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Umdenken erwünscht: Der Mensch im Zentrum der Gebäudeplanung

DGNB - Heute für morgen bauen

Man hat es nicht leicht mit diesen Menschen. Da gibt man sich die größte Mühe, eine funktionale, energieeffiziente und wirtschaftliche Immobilie zu errichten – nur an einen wurde wieder zu wenig gedacht: den Nutzer. Was flapsig klingt, ist leider noch viel zu häufig gängige Planungspraxis.

Dass dies durchaus paradoxe Züge hat, ergab die Diskussion, die im Rahmen der DGNB Impuls Session „Fokus Mensch – wie nachhaltige Gebäude den Nutzer in den Mittelpunkt rücken“ im Juni geführt würde. So liegt der große Hebel zur Kosteneinsparung bei gewerblich genutzten Gebäuden wahrlich nicht bei Maßnahmen zur Energieeinsparung. 90 Prozent der Kosten fließen in das Personal und deren Gehälter. Eine gesunde Arbeitsumgebung, die helfen kann, Krankenstände zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit der Belegschaft zu erhöhen, hat wirtschaftlich weit größere Dimensionen. Nur konsequent ist da der während der Veranstaltung formulierter Vorschlag, die Lohnkosten in die Gebäudezykluskosten mit einzubeziehen, um dem Nutzer als Faktor die Tragweite in der ökonomischen Betrachtung zu geben, die ihm angemessen wäre.

Burkhard Remmers (Wilkhahn)

Burkhard Remmers (Wilkhahn)

Ob bei den Impulsvorträgen von Burkhard Remmers (Wilkhahn), Christian Frenzel (Transsolar) oder Thomas Stöckle (Landeshauptstadt Stuttgart) oder in der regen Diskussion mit zahlreichen DGNB Mitgliedern im Anschluss: Deutlich wurde, dass wir vor allem eines müssen – umdenken. Denn nicht der maximal hohe Grad an Bequemlichkeit am Arbeitsplatz sorgt bei uns für Wohlbefinden, sondern ein hoher Aktivierungslevel. Oder um es mit Burkhard Remmers zu sagen: „Wir sind von Natur aus energieeffizient“. Hier kann oder vielmehr sollte die Architektur ansetzen mit entsprechenden Konzepten.

Systematische Nutzereinbeziehung in früher Planungsphase

Dabei muss es gar nicht immer der große innovative Wurf sein. Eine systematische Einbeziehung der Nutzer ab einer möglichst frühen Planungsphase, wäre schon ein erster sinnvoller Schritt, der prophylaktisch viel bewirken kann. Ganz so wie es die Stadt Stuttgart beim DGNB zertifizierten Projekt GPES gemacht hat. In diesem Fall verwendeten die Projektbeteiligten Nutzerbedarfsskizzen für quasi jeden Raum als Instrument zur Festlegung der Gestaltungsrichtlinien.

Christian Frenzel (Transsolar)

Christian Frenzel (Transsolar)

Auch die Kennzahlen, die Christian Frenzel zu einem von Transsolar realisierten Projekt in Winnipeg (Kanada) präsentieren konnte, waren beeindruckend. Sie zeigen, wie viel bewegt werden kann, wenn der Nutzer in den Fokus der Planung rückt: 50% weniger Komfortbeschwerden, ein Anstieg des Radfahreranteils von 10% auf 84% sowie eine Reduzierung der ohnehin schon niedrigen Krankheitsrate auf weniger als 3 Krankheitstage pro Mitarbeiter und Jahr. Für den Bauherrn bedeutet allein der letzte Aspekt eine jährliche Einsparung im siebenstelligen Bereich.

Innenraumgestaltung muss nutzerorientiert erfolgen

Dass gerade bei der Planung von Gebäuden der Nutzer so elementar wichtig ist, liegt daran, dass wir bei der Bereitschaft, uns an unsere Umgebung anzupassen, im Innenraum viel anspruchsvoller sind als im Außenbereich – physiologisch und psychologisch. Akustik, Licht, Luft, Klima: Bei allen vorgeschlagenen Lösungen sollte immer die Frage „Wie reagiert der Mensch darauf?“ im Mittelpunkt stehen. Dies geschieht noch nicht in ausreichendem Maße, geschweige denn nach nachvollziehbaren Kriterien. Anstelle von Voodoo und subjektiver Betrachtung sollte es hier Standardisierungen für bestimmte Raumsituationen geben, forderte etwa Achim Proslow von Silence Solutions.

Ein zentraler Aspekt, der einer marktweiten Durchdringung der nutzerfokussierten Betrachtungsweise noch im Weg steht, ist die nüchterne Kosten-Nutzen-Frage für den Investor. Ist der Bauherr selbst Eigentümer und Nutzer, liegen die Argumente auf der Hand. Doch wo liegen die Anreize für Investoren, die die Gebäude nicht selbst nutzen? Die Frage stellt sich insbesondere für Multi-Tenant-Objekte, also Gebäude mit einer Vielzahl unterschiedlicher Mieter, die während der Planungs- und Bauphase oftmals noch nicht bekannt sind. Der Hebel könnte hier primär bei einem Wandel und Umdenken auf der Nachfrageseite liegen. Wer eine passende Immobilie für sich sucht, sollte darauf achten, eine Fläche anzumieten, welche unter Nachhaltigkeitsaspekten gebaut wurde – Gesundheit und Nutzerkomfort inklusive.

Die DGNB hat es sich aus der Impuls Session heraus zum Ziel gesetzt, an der Thematik weiterzuarbeiten und in den Markt hinein positive Anreize zu geben, die einen nutzerzentrierte Planung unterstützen. Wie das konkret aussieht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Begeisterung für das Thema, die in der Impuls Session deutlich wurde, macht mir Mut, dass wir gemeinsam Einiges bewegen können. Für den Nutzer, für den Menschen und letztlich für uns alle, die wir einen Großteil unserer Zeit in Gebäuden verbringen.

Kategorie: Impuls

von

Hermann Horster

Als Head of Sustainability kümmert sich Hermann Horster um die Nachhaltigkeitsthemen bei BNP Paribas Real Estate Deutschland, wo er seit 2001 arbeitet. Seit 2011 ist er Mitglied des DGNB Präsidiums und vertritt dort gerade die Belange der Immobilienwirtschaft. Zudem ist er Mitglied des Immobilienbeirats sowie des Zulassungs- und Prüfungsausschusses der DGNB.

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