Herausforderung Klimawandel: Schaffen wir das?

Zwei Grad klingen nicht nach viel. Ist die Zahl zwei doch so klein. Welche Auswirkungen eine Erderwärmung um diese zwei Grad aber tatsächlich auf unser Leben und unsere Welt haben, und warum weniger in diesem Fall wirklich mehr ist: Dr. Anna Braune, Leiterin der Abteilung Forschung & Trends der DGNB, mit einem Kommentar anlässlich der heutigen Unterzeichnung des Paris-Abkommens zum Klimaschutz in New York.

Der 22. April 2016 wird ein geschichtsträchtiger Tag sein. Denn heute unterzeichnen in New York mehr als 170 Staaten das Paris-Abkommen zum Klimaschutz. Dessen Ziel: Die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Das ist gut und richtig! „Wenn möglich“, so heißt es im Abkommen, „auf 1,5 Grad“. Die globalen Auswirkungen des Klimawandels, die hauptsächlich durch die Verbrennung fossiler Energieträger verursacht werden, werden endlich auch politisch und gesellschaftlich als solch große Bedrohung wahrgenommen, wie sie von den meisten Wissenschaftlern bereits seit Jahrzehnten beschrieben werden.

Entstanden ist das Klimaschutzabkommen im Rahmen der Weltklimakonferenz COP21 in Paris.

Entstanden ist das Klimaschutzabkommen im Rahmen der Weltklimakonferenz COP21 in Paris.

Als Sinnbild für den Klimawandel steht oft ein Eisbär, allein und auf einer im Ozean dahintreibenden Eisscholle. Für viele Menschen bereits ein ausreichender Grund, sich für mehr Klimaschutz einzusetzen. Auch die von der internationalen Forschergemeinde entworfenen Dürreszenarien in vielen Regionen, Überschwemmungen von ganzen Staaten im Pazifik oder verschwundene Gletscher in den Alpen sind starke Argumente dafür, CO2-Emissionen zu vermeiden.

Deutschland scheint für den Klimaschutz viel zu tun: Die Energiewende, diverse CO2-Einsparprogramme oder aber das weitgehende Erreichen unserer selbstgesteckten Treibhausgas-Reduktionsziele. Doch was bedeuten denn 2 Grad mehr für uns, hier konkret in Deutschland?

Die klare Antwort: 2 Grad mehr werden unseren Alltag verändern; wenn auch weniger rasant als in anderen Regionen der Erde. So prognostizieren Klimaforscher für das Jahr 2040 in Deutschland, bei einem angenommenen Temperaturanstieg um 2 Grad, die Verlängerung des Sommers um einen Monat, der Herbst kommt fast drei Wochen später und die Gefahr von Hitzewellen wie letztes Jahr steigt stark an. Gegenüber heute wird, laut einer Studie der deutschen Versicherer, die Hagelwahrscheinlichkeit im Jahr 2040 um etwa 25 Prozent höher sein als heute – mit allen bekannten finanziellen Auswirkungen.

Aber: Sind wir uns sicher, dass wir die Herausforderung „Klimawandel“ meistern? Haben wir die notwendigen Mittel, uns rechtzeitig an den Klimawandel anzupassen? Die Systeme, die unsere Gesellschaft heute ausmachen und stützen, wie Städte, Gebäude, Infrastrukturnetze, aber auch Gesetze und Verordnungen und unsere Gewohnheiten sind vor allem eins: Träge. Darum verwundert es nicht, wenn man liest, dass aktuell nur etwa 15 Prozent der Unternehmen in Deutschland sich vom Klimawandel direkt betroffen fühlen. Für 2030 ergeben die Umfragen immerhin eine 30-prozentige direkte Betroffenheit. Nehmen wir mal die Unternehmen heraus, deren Mitarbeiter hauptsächlich in Büros arbeiten. Wir wissen, dass wir zukünftig mehr heiße Phasen im Sommer haben werden. Wir wissen auch, dass bei Temperaturen über 26 Grad durchschnittlich 3 bis 12 Prozent geringere Leistungen erbracht werden. Laut einer Studie des WWF mindert dies das Bruttosozialprodukt bis 2040 um zweieinhalb bis zehn Milliarden Euro. Pro Jahr.

Städte spielen überhaupt eine große Rolle; so wird erwartet, dass bis 2040 in Deutschland rund 80 Prozent der Menschen in Städten leben werden. Eine lang anhaltende Sommerhitze ist häufig ein Auslöser von Krankheiten, besonders bei Menschen mit Atemwegsproblemen. Eine schlechte Luftqualität, zum Beispiel wegen hoher Feinstaubbelastung oder hohen Ozonwerten, verstärkt die Wahrscheinlichkeit von Leistungsabfall, Arbeitsausfällen oder Schlimmerem.

Panikmache oder Realität?

Die hier skizzierten Szenarien werden vielleicht anders kommen, aber in ihrer Wirkung in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich eintreten. Und selbst dann, wenn es uns gelingt, das 2-Grad-Ziel zu erreichen, wird uns der Klimawandel gesellschaftlich, ökologisch und wirtschaftlich treffen. Deshalb ist es richtig und wichtig, dass wir jetzt die Emissionen von Treibhausgasen so weit wie möglich zurückfahren und uns auch vor radikalen Ideen nicht scheuen. Mit unserem aktuellen Verhalten gelingt das sicher nicht.

Ich persönlich glaube, dass die DGNB, eine auf zivilgesellschaftlichem Engagement für mehr Nachhaltigkeit gegründete Bewegung, wie kaum eine andere Institution in Deutschland die Fähigkeiten und Möglichkeiten besitzt, mit ihren mehr als 1.200 Mitgliedsorganisationen ein Umdenken einzuleiten und wichtige Impulse gegen den Klimawandel zu setzen. Als einer der Hauptverursacher von CO2-Emissionen ist die Bau- und Immobilienwirtschaft hier in der Verantwortung und Pflicht. Hier kann ein „Wir schaffen das!“ seinen Anfang nehmen. Das geht nur mit Engagement und Gemeinschaft.

Dr. Anna Braune

Geschrieben von:

Anna Braune studierte Techischer Umweltschutz an der Technischen Universität Berlin und schrieb ihre Diplomarbeit über Ökobilanzen von Abwasseranlagen in Zusammenarbeit mit der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (Schweiz). Sie arbeitete für verschiedene Beratungsunternehmen im Bereich Nachhaltigkeit und Gebäudetechnik. Von 2004 bis 2007 war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Stuttgart, am Lehrstuhl für Bauphysik, Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung, tätig. Sie war Initiatorin und bis Ende 2008 die Gründungs-Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Danach arbeitete sie beim Nachhaltigkeits-Beratungs- und Softwareunternehmen PE International, umbenannt seit 2014 in thinkstep. Als Principal Consultant war sie verantwortlich für das Team “Nachhaltiges Bauen” des Beratungsbereichs. Seit September 2015 arbeitet Anna Braune wieder für die DGNB, als Leiterin Forschung und Entwicklung.

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