Überschaubarkeit und Information: Was eine Zertifizierung leisten kann

In Zeiten gescheiterter Großprojekte begegnet uns als DGNB immer wieder die Frage, ob ein Zertifizierungssystem einen Beitrag zur Vereinfachung von komplexen Bauaufgaben leisten kann. Das wäre natürlich wünschenswert, doch der Begriff „Vereinfachung“ trifft es nicht ganz. Der Mehrwert liegt eher in einem Plus an Überschaubarkeit und einer zielgerichteten Planbarkeit.

Die mit der wachsenden Komplexität von Planungsaufgaben verbundene Trennung der baufachlichen Disziplinen hat zu einer – mitunter sogar zeitlichen – Zersplitterung der Planungsziele geführt und ein riesiges Kommunikationsproblem geschaffen. Dazu kommen teilweise widersprüchliche Änderungs- und Kostenerwartungen der Bauherren, die nur möglich werden, weil niemand mehr den Überblick besitzt, um die daraus erwachsenden Zielkonflikte darzustellen.

Die Forderung der DGNB Zertifizierung, sich schon zu Beginn der Planung mit allen Aspekten und Zielvorstellungen des Bauvorhabens auseinanderzusetzen, ist zwingende Grundlage der Kommunikation. Wie anders soll jeder Fachplaner nicht nur die detaillierten Planungsziele aller anderen kennen, sondern auch jederzeit wissen, welche Informationen von ihm jeweils erforderlich werden? Und zwar so frühzeitig, dass alle gemeinsam rechtzeitig auf Fehlentwicklungen reagieren können.

Zertifizierung auch zur Information und Aufklärung

Neben dieser verbesserten Planbarkeit gibt es noch einen weiteren elementaren Beitrag, den eine Zertifizierung bei einem Bauprojekt leisten kann: die Aufklärung und Information, insbesondere für den Gebäudenutzer.

Ganz allgemein gesprochen hat heute jede bedeutende Entwicklung auch etwas mit der öffentlichen Diskussion, Akzeptanz und Mehrheitsfähigkeit zu tun – und sei es nur zur Entwicklung einer Nachfrage. Das lässt sich in großen Teilen auf den Gebäudebereich übertragen. Jedoch macht es keinen Sinn, dem Nutzer von Gebäuden alle technischen Prozesse erklären zu wollen. Ihn interessiert das ökonomisch, sozial, funktional oder ästhetisch empfundene Ergebnis. Dafür sind wir Fachplaner da und wir sollten mit dem zugehörigen Vertrauensvorschuss verantwortlich umgehen.

Der Nutzer kann – wenn er nicht zufällig selbst vom Fach ist – die komplexen Anforderungen und Entstehungsprozesse kaum bewerten. Genauso wenig, wie ich den Vitamingehalt eines Orangensafts in meiner Küche prüfen kann und deshalb auf das entsprechende Zertifikat sehe. Genau hier liegen die Funktion von Zertifikaten und der Grund dafür, dass sie immer wichtiger werden.

Mit dem DGNB Zertifikat werden bestimmte Eigenschaften und zugehörige Erwartungshaltungen bestätigt. Der Nutzer kann hier so tief in die Inhalte einsteigen, wie er es selbst möchte – von der einfachen Gesamtnote bis hin zu unserer bis zur Einzelanforderung differenzierten Ergebnisdarstellung. Die Darstellung der Anforderungen, der Ergebnisse und vor allem die angebotene ständige Möglichkeit zur weitergehenden Information sorgen dabei für den expliziten Aufklärungs- und Informationscharakter einer Zertifizierung.

Prof. Alexander Rudolphi

Geschrieben von:

Die DGNB ist von Beginn an eng verbunden mit Prof. Alexander Rudolphi. Er war einer der 16 Mitbegründer des Vereins und dessen Gründungspräsident. Die Funktion des DGNB Präsidenten hat er seit 2013 erneut inne. Er ist Berater für ökologische Bauteiloptimierung und Gütesicherung, Sachverständiger für Holz- und Bauschäden sowie Mitinhaber der Beratungsgesellschaft Rudolphi & Rudolphi. Zuvor war er Mitbegründer und Geschäftsführer der Gesellschaft für ökologische Bautechnik Berlin GFÖB.

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