Nachhaltiges Bauen
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29 Jahre vorher am Ziel

Die Errichtung des letzten Bauteils des sogenannten Eisbärhauses dauerte ziemlich genau ein Jahr. Das Gebäudeensemble mit dem Polartier als Namenspaten besteht aus zwei Bestandsbauten (Bauteile A+B) und einem Neubau (Bauteil C). Dieser wollte so viel wie möglich anders machen als konventionelle Bauprojekte. Im Rückblick erzählen der Architekt und der Auditor des Projekts heute dessen Geschichte. Die Geschichte eines Jahres zwischen der Lust am Machbaren, ehrgeizigen Zielen, schwäbischen Rekorden und dem Arbeiten mit sogenanntem Mondholz.

Der Firmensitz des Generalplanungs- und Architekturbüros BANKWITZ beraten planen bauen befindet sich im sogenannten Eisbärhaus in Kirchheim unter Teck, einer Gemeinde unweit von Stuttgart. Es handelt sich weniger um ein Haus als vielmehr ein Gebäudeensemble aus drei Bauteilen. Die BANKWITZ GmbH legte den Grundstein mit den Bauteilen A und B, die 2008 fertiggestellt wurden. 2019 folgte der Baustart des dritten und letzten Teils, des Bauteils C.

„Wir wollten uns der Herausforderung einer Zertifizierung stellen“, sagt Matthias Bankwitz, Geschäftsführender Gesellschafter von BANKWITZ beraten planen bauen. „Da die Bauteile A und B nach der baulichen Fertigstellung über das System für Gebäude im Betrieb zertifiziert wurden, wollten wir nun die Zertifizierung für Neubauten anwenden.“

Diese Idee gab Bankwitz, der sich schon lange mit den Themen nachhaltigen Bauens beschäftigt, die Gelegenheit, sich in höchster Detailtiefe mit der nachhaltigen Wertschöpfung eines Bauprojekts zu beschäftigen und jeden Gedanken bis zum Schluss durchzuspielen. Da der Bauherr eine Grundstücksgemeinschaft ist, der er selbst angehört, war die Chance ideal, ein Gegenexempel zur sogenannten „Investorenarchitektur“ zu statuieren und zu jedem Zeitpunkt selbst dabei zu sein.

© Niels Schubert Fotograf I BFF

Auch Volker Auch-Schwelk, Auditor des Projekts, war gespannt auf die Potenziale des Projekts, insbesondere im Vergleich zu den bestehenden Teilen des Ensembles: „Die Frage, wie sich das nachhaltige Bauen im Vergleich zum Eisbärhaus Bauteil A und B weiterentwickelt hat, fand ich zu Beginn des Projekts besonders spannend“, erinnert er sich.

Neues Kapitel im Projekt Eisbärhaus

Obwohl Bankwitz und sein Team sowie Auch-Schwelk bereits zahlreiche Erfahrungen mit nachhaltigem Bauen hatten, warteten in Gestalt des Neubaus Eisbärhaus Bauteil C zahlreiche neue Herausforderungen. So führte das Büro beispielsweise sämtliche Betonarbeiten in Recycling-Beton aus, auch eine Bodenplatte sowie wasserundurchlässige Bereiche.

Ungewöhnlich war auch, ein Projekt vollkommen ohne eigene Wärmequelle zu realisieren. Die Wärmeversorgung speist sich ausschließlich über ein sogenanntes Nahwärmenetz: im existierenden Teil des Gebäudeensembles besteht in der Regel ein Energieüberschuss, die überflüssige Wärmeenergie wird also einfach ins neue Projekt umgeleitet. Die Kühlung des Bauteils C erfolgt über vier geothermische Bohrungen mit je 130 Metern Länge. Die Serverschränke werden durch natürlich vorgekühlte Luft temperiert. Hierfür wurden Lüftungsrohre mit einer Gesamtlänge von 80 Metern in der Erde verlegt.

© Niels Schubert Fotograf I BFF

„Auch beim Thema Lüftung hat sich etwas getan“, freut sich Bankwitz. „Bereits im bestehenden Eisbärhaus wird durch die Nutzung einer mechanischen Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung im Innenraum stets eine optimale Versorgung mit Frischluft gewährleistet. Anders als in den Bauteilen A und B wird im Bauteil C die zugeführte Luftmenge jedoch über einen CO2-Sensor geregelt. Dieser Sensor misst kontinuierlich die Luftqualität im Raum und führt dann, abhängig von der Raumbelegung, die entsprechende Menge Frischluft zu.“

Regionales Handwerk und Tradition

Eine Herausforderung bestand darin, regionale Handwerker zu finden, welche die geforderte Qualität liefern konnten. Der Innenausbau erfolgte in Kooperation zwischen schwäbischen Handwerksbetrieben und Betrieben aus dem Bregenzerwald. „Das Sicherstellen einer guten Innenraumluft war von Anfang an ein Schwerpunkt unserer Arbeit, da der Innenausbau mit sichtbaren und unbehandelten Holzoberflächen an Wand und Boden geplant war“, erinnert sich Auch-Schwelk.

© Niels Schubert Fotograf I BFF

Spannend hierbei war die Beschaffung der benötigten Baumaterialien: Ziel war es, ausschließlich zu diesem Zweck geschlagenes Holz zu verwenden. Das für den Weißtannen-Dielenboden verwendete Holz wurde im Bregenzerwald nach Standort und Wuchs ausgesucht, eingeschlagen und getrocknet. Der Blindboden, die Unterkonstruktion für die Wand und der sichtbar genagelte Wandbelag wurden aus Fichtenholz gefertigt.

Teilweise handelt es sich dabei um sogenanntes Mondholz bzw. Mondphasenholz. Darunter versteht man Holz, das bei Mondschein geschlagen wird. In verschiedenen Forstwirtschafts- und Zimmermannstraditionen werden diesem Holz überdurchschnittlich hohe Qualitäten hinsichtlich seiner Stabilität, Haltbarkeit, Feuerbeständigkeit und Härte nachgesagt. Noch heute wird diese Tradition im Rahmen besonders hochwertiger Holzarbeiten beachtet, sogar in der Hamburger Elbphilharmonie befindet sich verbautes Mondholz.

Im Fall des Eisbärhauses Bauteil C wirkte sich die Verwendung des Baustoffes auch auf den effizienten Bauablauf aus: „Ein großer Vorteil des Bauens mit Holz liegt in einer größtmöglichen Vorfertigung von Bauelementen im Werk. In der Werkhalle lässt sich viel exakter arbeiten als vor Ort, wodurch eine sehr hohe Ausführungsqualität sichergestellt wird. Außerdem können die Arbeiten wetterunabhängig realisiert werden. Neben der deutlichen Qualitätssteigerung hat die Vorfertigung im Werk mit der Verkürzung der Bauzeit vor Ort noch einen weiteren entscheidenden Vorteil“, resümiert Bankwitz den Prozess.

Eisbärhaus als Modellprojekt?

Insbesondere in dieser qualitätsorientierten und dennoch pragmatischen Arbeitsweise und dem achtsamen Umgang mit Details sieht Auditor Auch-Schwelk eine Qualität, die sich andere Projekte am Eisbärhaus abschauen können, auch wenn die Bedingungen unterschiedlich gelagert sind: „Die Bereitschaft, bis ins Detail die Themen des nachhaltigen Bauens umzusetzen, auch für Kriterien wie die Verwendung regionaler Produkte und unbehandeltes Holz oder den Beitrag für die Biodiversität – das wäre auch in anderen Kontexten umsetzbar, es braucht dafür aber häufig mehr Mut seitens des Bauherren!“

© Niels Schubert Fotograf I BFF

Das DGNB System diente dabei nicht nur der finalen Qualitätsbescheinigung, sondern zog sich als gleichsam roter Faden durch den Bauprozess: „Der gesamte Entwurfs-, Planungs- und Bauprozess musste immer wieder auf die vorgegebenen DGNB Kriterien hin geprüft, bewertet und gegebenenfalls angepasst werden. Wir hatten damit einen Leitfaden an der Hand, der sich über alle Leistungsphasen nach HOAI und durch das Projekt gezogen hat“, berichtet Bankwitz.

Höchster Gesamterfüllungsgrad eines Neubaus im DGNB System

Dass das Ergebnis dann einen derart hohen Gesamterfüllungsgrad haben würde, war für alle Beteiligten die Belohnung eines äußerst intensiven Bauprozesses, an dem jeder auch viel lernen konnte. Im September 2020 titelten Zeitungen dann „Das nachhaltigste Gebäude der Welt steht in Kirchheim“. Matthias Bankwitz selbst schmunzelt: „Das Eisbärhaus Bauteil C wurde überdurchschnittlich klimafreundlich errichtet, der Betrieb des gesamten Ensembles erfolgt klimaneutral. Wir sind dem nationalen Klimaschutzplan 2050 am heutigen Tag mit dem vollständigen Gebäudeensemble praktisch um 29 Jahre voraus.“

© Niels Schubert Fotograf I BFF

Auch-Schwelk sieht in der Anforderung, nachhaltig zu bauen, die Branche zwar mit einer komplexen Herausforderung konfrontiert, hält die Aufgabe aber dennoch für machbar, wenn die einzelnen Akteure sich stärker auf dieses Ziel fokussieren: „Nachhaltiges Bauen ist eine interdisziplinäre Aufgabe. Entsprechend muss die Haltung aller Projektbeteiligten Nachhaltigkeit zum Ziel haben. Viele kleine Schritte führen zum großen Ziel!“

Übrigens: Im Rahmen unseres Talk-Formats „Nachhaltig Bauen konkret“ haben Matthias Bankwitz und Volker Auch-Schwelk das Projekt in einem ausführlichen Vortrag besprochen. Diesen finden Sie online:

Eine ausführlichliche Case Study zu den Bauteilen A+B finden Sie hier.

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