Architektur, DGNB Diamant, Projekt des Monats
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Erster DGNB Diamant für eine Sanierung: Morrow in Frankfurt

Morrow Frankfurt

Ein über Jahre hinweg leerstehendes Bürogebäude zu sanieren ist keine selbstverständliche Entscheidung für einen Projektentwickler. Im Frankfurter Westend wurde dies dennoch realisiert, und zwar auf vorbildliche Weise: Mit dem Erhalt des Zertifikats DGNB Platin beweisen die Verantwortlichen, dass die Sanierung hinsichtlich der Nachhaltigkeit auf höchstem Niveau umgesetzt wurde. Die im Anschluss vergebene Auszeichnung DGNB Diamant bezeugt zudem die hohe architektonische Qualität des Gebäudes.

Man sieht es dem Morrow im Frankfurter Westend zwar nicht direkt an, das Bürogebäude steht aber bereits seit den 1970er Jahren. Zumindest in seiner Grundstruktur. Entworfen wurde das 11-geschossige Gebäude ursprünglich vom Frankfurter Architekten Helmut Joos. In der von Gründerzeitarchitektur geprägten Gegend sticht der Bau seit jeher aufgrund seiner Größe und der markanten Staffelung der Geschosse ab dem 4. Obergeschoss heraus.

Morrow Frankfurt

Unterschiedliche Bronzetöne gliedern die Fassade neu und lösen das große Volumen auf. © Jean-Luc Valentin

Wechselvolles Erscheinungsbild

Die ursprüngliche Bandfassade aus roten Paneelen und umlaufenden weißen Fensterbändern wurde in den 1990er Jahren maßgeblich verändert: Das Architekturbüro Kleffel Köhnholdt Gundermann zeichnet für die Sanierung mit gewelltem silbernem Blech und verchromten Fenstern verantwortlich. Hinzu kamen notwendige Fluchttreppen in Form von außenliegenden Wendeltreppen im Bereich der Terrassen, die durch schirmartige Aufsätze betont wurden.

Nach zehnjährigem Leerstand kaufte das Joint-Venture aus den Projektentwicklern Red Square und Art-Invest Real Estate die Immobilie 2017 und überführte sie zusammen mit den Architektenbüros Holger Meyer Architektur (Entwurf) und apd architektur+ingenieurbüro (Kati Stock, Rafal Rogalski, DGNB Auditor) unter dem Namen Morrow in den nunmehr dritten Lebenszyklus. 2020 übernahm die Immobilien-Investmentverwaltungsgesellschaft LaSalle das Gebäude für einen von ihr verwalteten Spezialfonds.

Revitalisierung auf der Höhe der Zeit

Anstelle von Abriss stellten sich die Beteiligten also der Hausforderung des Bauens im Bestand. Erklärtes Ziel war es, den markanten und allgemein als Fremdkörper wahrgenommenen Baukörper in den städtebaulichen Kontext zu integrieren und optisch etwas Neues zu schaffen.

Gelungen ist dies durch die radikale Veränderung von Proportion und Farbgebung in Anlehnung an die umliegende Bebauung. Anstelle der klar horizontalen Gliederung ist die Fassade heute in drei Bereiche – Sockel, Turm und Terrasse – gegliedert und stimmig in den Stadtraum eingefügt. Die vorgefundene Bandfassade wurde durch eine Metall-Elementfassade mit bodentiefen Fenstern in unterschiedlichen Bronzetönen ersetzt.

Das Technikgeschoss auf dem Dach wurde im Zuge der energetischen Ertüchtigung des Gebäudes verlegt. Hier ist eine weitere attraktive Büroebene entstanden. In den Sockelgeschossen, die nicht von den weitläufigen Terrassen ab dem 4. Obergeschoss profitieren, erweitern vorgehängte Balkone die Bürofläche im Außenraum.

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    Repräsentativer Empfang in der Lobby. © Jean-Luc Valentin

Zeitgemäße Arbeitswelt

Im Erdgeschoss beleben Gastronomieflächen den Straßenraum und schaffen eine Verzahnung mit der Umgebung. Der Zugang ins Gebäude erfolgt über einen klar strukturierten Eingang, der in die Lobby führt. Von dort werden die darüber liegenden Büroebenen erschlossen.

Hier galt es qualitativ hochwertige, möglichst flexibel nutzbare Flächen zu schaffen. Um Raum zu generieren, wurden das ursprünglich an der Fassade liegende Treppenhaus und die Wendeltreppen im Bereich der Terrassen in einem innenliegenden Sicherheitstreppenhaus zusammengelegt. Drum herum sind heute auf insgesamt 10.500 Quadratmetern die Mieteinheiten entlang der Fassade angeordnet.

Gestalterische Potentiale beim Bauen im Bestand

Die Vorteile einer Gebäudesanierung zum Neubau hinsichtlich dem Energie- und Ressourcenverbrauch liegen auf der Hand. Beim Projekt Morrow wird insbesondere im Innenraum deutlich, welche gestalterischen Potentiale das Bauen im Bestand birgt: Die Flächen sind nicht wie üblicherweise beim Neubau klar durchdekliniert, sondern halten dank der gekonnten Reaktion auf das Vorgefundene überraschende Raumeindrücke bereit. Der Grundriss ist über alle Ebenen hinweg flexibel nutzbar und somit zukunftsfähig.

Aus diesem Grund hat die von der DGNB einberufene unabhängige Kommission für Gestaltungsqualität, bestehend aus den Architekten Amandus Samsøe Sattler und Michael Schumacher sowie der Architektin Susanne Wartzeck, dem Gebäude die Auszeichnung DGNB Diamant für herausragende gestalterische und baukulturelle Qualität zugesprochen. Für diese zusätzliche Auszeichnung können Projekte angemeldet werden, die im Rahmen der DGNB Zertifizierung Gold oder Platin erreicht haben.

Wir gratulieren den Beteiligten und hoffen auf weitere mutige Bauherren, die sich den Herausforderungen der heutigen Zeit stellen und das Thema Bauen im Bestand als Chance begreifen.

Kategorie: Architektur, DGNB Diamant, Projekt des Monats

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Christine Schröder arbeitet bei der DGNB als Referentin Initiativen und Netzwerk mit den Schwerpunkten Phase Nachhaltigkeit und Wissensstiftung. Nach dem Architekturstudium und der Mitarbeit in Büros in Stuttgart, Berlin und London fand sie den Weg zum Schreiben während eines Volontariats bei der Verlagsanstalt Alexander Koch. Hier war sie über zehn Jahre in der Redaktion der Architekturfachzeitschrift AIT tätig. Ihre Begeisterung für das nachhaltige Bauen führte schließlich zur DGNB.

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