Nachhaltiges Bauen, Weltweit
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Bauen mit Lehm: Schätze, die zu unseren Füßen liegen

METI Handmade School

Mit Architektur die Welt verbessern, ist das Motto von Anna Heringer. Für ihren experimentellen Ansatz und die herausragende kultur- und standortsensible Bauweise, erhielt die Architektin den ersten Global Award der Building Sense Now Initiative, zu deren Gründerinnen auch DGNB Vorstand Dr. Christine Lemaitre zählt. Die Preisverleihung fand im Zuge der Weltklimakonferenz 2019 in Madrid statt. In ihrem Vortrag gab Heringer Einblicke in ihr Denken und Schaffen.

„Architecture is a tool to improve life“ − verfolgt man ihren Vortrag, wird schnell klar: Anna Heringer gehört zu der Sorte Mensch, die auch wirklich lebt, was sie sagt. Das zeigen ihre Projekte. Besonders deutlich wird dies an der METI Handmade School in Rudrapur in Bangladesch, mit der sie 2006 internationale Bekanntheit erlangte. Das Gebäude besteht aus natürlichen, lokal verfügbaren Materialien. Unter Einbezug der Bewohner entstand die Schule als soziales Gemeinschaftsprojekt mit nachhaltiger Wirkung.

Anna Heringer setzt auf Lehm

Als überzeugte Kämpferin für nachhaltiges Bauen hat Heringer eine klare Botschaft, die sich vor allem an ihre Kolleginen und Kollegen aus der Baubranche richtet: Hinterfragt Baustandards, achtet die Umgebung und nutzt Ressourcen, die zu euren Füßen liegen. Ein Material hat es ihr besonders angetan und wird zum Sinnbild für ihre Mission. Die Rede ist von Lehm.

Als Baustoff ist er zu 100 % recyclebar, widerstandsfähig, verursacht geringe CO2-Emissionen, schafft ein gesundes Raumklima und bietet gestalterische Freiheit – klingt nach einem echten Juwel der nachhaltigen Architektur. Und das ist er auch, wenn man Heringer fragt. Sie gehört zu den (noch) wenigen Architektinnen, die die wertvollen Eigenschaften von Lehm bereits seit Jahren kennen und nutzen. „Man muss nur ein paar Regeln beachten, dann stehen Lehmgebäude über Hunderte von Jahren“, sagt Heringer. Dazu gehören beispielsweise ein gutes Fundament und Dach, um den Lehm vor Wasser und Wind zu schützen. Oder die horizontalen Geschwindigkeitsbrecher in den Wänden in Form von Bambus, Ziegelstein oder Stroh. Sie sorgen für eine kontrollierte Erosion, die mit den Jahren immer mehr abnimmt.

„Lehm ist gut, aber doch nicht hier.“

Trotz all dieser Vorteile habe Lehm in Europa ein viel zu schlechtes Image: „Erde gilt als dreckig, wenig strapazierbar und ruft das Bild von kleinen, dunklen Hütten hervor.“ Solche Denkmuster will die Architektin aufbrechen. Für ihre Projekte außerhalb Europas erhielt sie Awards. Doch als sie das Material nach Hause brachte, stoppte die Wertschätzung abrupt. „Lehm ist gut, aber doch nicht hier“, ist ein Satz, den sie öfter hörte. Dabei ist Lehm ein Universaltalent und reicht als Baustoff zurück bis in die Antike. Laut Heringer leben drei Millionen Menschen in Gebäuden aus Lehm und das in jeder Klimazone. Die Zahl gehe allerdings zurück, Regierungen in Afrika und Mexiko verbieten den Bau gänzlich. Es fehlen die Architekten, die das Handwerkzeug dazu haben, und die Lobby.

Alnatura Campus in Darmstadt: Ist Lehm wieder salonfähig?

Und doch: Es tut sich was! Mit zunehmendem Bewusstsein für die Dringlichkeit des Klimaschutzes, rücken auch Materialien wie Lehm in Europa wieder mehr in den Fokus. Was Heringer in Bangladesch mit den bloßen Händen bewerkstelligt, wird hier mit Technologie perfektioniert. Die Fassade des Alnatura Campus etwa, der 2019 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur erhielt, entstand mit der sogenannten Stampflehmtechnik. Heringer erklärt in einem Satz: „Es handelt sich um standardisierte Elemente aus Lehm, die bereits die Isolierung, alle technischen Komponenten, Wandbeheizung und – kühlung beinhalten, und auf der Baustelle einfach zusammengefügt werden.“

Lehm trifft auf moderne Technik bei der Stampflehmfassade des Alnatura Campus © Lars Gruber

Der Entwurf für das Alnatura Gebäude stammt von dem Stuttgarter Architekturbüro haascookzemmrich STUDIO 2050. Für die Stampflehmkonstruktion arbeiteten sie mit dem Experten Martin Rauch zusammen. Das Bauwerk zeigt, dass es geht, was auch Heringer seit langem sagt: Wir können hier mit alten Materialien in innovativer Art und Weise bauen! Sie ist davon überzeugt, dass unsere Häuser, Büros und Städte mit Baustoffen wie Lehm nicht nur gesünder und nachhaltiger werden, sondern auch humaner und schöner. Und so schließt sie ihren Vortrag mit einem optimistischen Blick: „Mein nächstes Projekt soll ein Skyscraper aus Lehm werden − in Manhatten oder Madrid.“

Wer die Preisträgerin Anna Heringer nochmal live erleben will, kann sich hier ihren Vortrag in ungekürzter Länge ansehen (Englisch):


Anna Heringer veranschaulicht in ihrem Vortrag das Motto „Architecture is a tool to improve lifes“

Building Sense Now zeichnet Vorbilder aus

Building Sense Now Global Award Gewinner

Preisverleihung am 12. Dezember 2019, v.l.n.r.: Bruno Sauer (BSN Initiator, Green Building Council España), Anna Heringer, Felix Lupatsch, Dr. Christine Lemaitre (BSN Initiatorin, DGNB)

Die Initiatoren von Building Sense Now (BSN) sind davon überzeugt, dass kulturgerechte Designlösungen zu nachhaltigeren Städten und Gebäuden beitragen. Mit den 2019 erstmals verliehenen Awards zeichnen sie deshalb Vorbilder aus, die mit ihrer Arbeitsweise zu dieser Transformation beitragen. Neben dem Award für Anna Heringer verliehen sie in Madrid noch einen weiteren Preis: Der Young Architects Award für junge Kreative ging an „feat.collective“, ein 2013 gegründetes Kollektiv aus Architekten, Designern und Politikwissenschaftlern. Stellvertretend für seine Kollegen, stellt Felix Lupatsch im Rahmen der Verleihung das humanitäre Projekt „Lanka Learning Center“ in Sri Lanka vor. Den Videomitschnitt gibts hier.

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