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„Es wird nichts geschönt, aussortiert, ausgebessert“ – Interview mit Johannes Wolf (Entwickler CRAFTWAND)

„Back to the roots“ hat selten in der Wohn- und Lifestylewelt so gut gepasst wie in letzter Zeit. Denn ein Baustoff ist dort derzeit kaum mehr wegzudenken: Holz. DGNB Mitglied Massiv Forest Producst trifft hier nicht nur den Nerv der Zeit. Wir haben mit Johannes Wolf, Geschäftsführer und Entwickler der „CRAFTWAND“, über Holz und die Relevanz von Circular Economy gesprochen.

Felix Jansen (FJ): Was ist CRAFTWAND?

Johannes Wolf (JW): Es ist ein modulares Wandsystem, das aus massiven Buchenholzelementen besteht. Diese werden über eine von außen unsichtbare Verbindungstechnik miteinander zu individuell ausgestalteten Trennwänden, Raumteilern oder gar Möbeln verbunden.

FJ: Intelligent, einfach, massiv, funktional – das sind viele Attribute für eine Produktlösung. Wie konnten Sie sie vereinen?

Massiv Forest Products-Geschäftsführer Johannes Wolf hat die CRAFTWAND entwickelt

JW: Diese Attribute lassen sich leicht vereinen, wenn man sie von Beginn der Produktentwicklung an im Fokus hat. Ganz am Anfang stand das massive Holz. Ich komme aus der holzverarbeitenden Industrie und sehe täglich, wie viel Holzabfälle entstehen, um makellose Holzwerkstoffe herzustellen. Ursprung der Produktentwicklung war es, das Holz eines Stammes maximal zu nutzen und Abfälle auf ein Minimum zu reduzieren. So entstanden massive Holzquader. Zudem war uns eine einfache Lösung wichtig, sodass jeder Handwerker in der Lage ist, die Wand auf- aber auch wieder ab- oder umzubauen. Damit wollen wir eine lange Nutzungsdauer fördern. Die Module werden daher über eine herkömmliche Schraub- und Dübelverbindung miteinander verbunden.

Dass ein solches System funktional sein muss, versteht sich von selbst. Es soll die unterschiedlichsten Einsatzwünsche erfüllen. Das erreichen wir zum einen durch den modularen Aufbau, der eine hohe Flexibilität ermöglicht. Die Holzmodule können untereinander frei kombiniert werden. Das System kann als raumhohe Trennwand eingesetzt werden oder als halbhoher Raumteiler, entweder angeschlossen an bestehende Wände oder freistehend im Raum. Zum anderen haben wir sogenannte Funktionsmodule entwickelt. Basis ist dabei immer der massive Holzquader. Dieser ist mal mit Kanälen für eine verdeckte Kabelführung versehen, mal mit Auslässen für Steckdosen oder mit Aushöhlungen für Ablagefächer.

FJ: Sie haben für Ihre Entwicklung ein Patent erhalten. Warum?

JW: Um die beschriebene Einfachheit und Flexibilität zu gewährleisten, braucht es ein intelligentes Verbindungskonzept. In den massiven Modulen der Wand liegt ein ausgetüfteltes Raster der vorgebohrten Löcher für Schrauben und Dübel. Dieses Raster stellt sicher, dass die Verbindung stets stabil ist und gleichzeitig freie Kombinationen der Holzelemente möglich sind. So können unterschiedliche Längen in unterschiedlicher Ausrichtung frei kombiniert werden. Auch wenn der Aufbau der Wand jetzt sehr einfach ist, so steckt doch viel Denkarbeit dahinter, um diese Einfachheit sicherzustellen und gleichzeitig eine sehr flexible und individuelle Montage zu ermöglichen.

Verbindungstechnik im Detail

FJ: Auf Ihrer Website sprechen Sie von „ungezähmtem“ Holz. Was meinen Sie damit?

JW: Das Holz wird in seinem natürlichen Erscheinungsbild eingesetzt. Es wird nichts geschönt, aussortiert, ausgebessert. Ganz im Gegenteil: Wir lassen Risse, Spalten, Äste sichtbar und unterstreichen sie sogar. Sie werden ausgeschliffen, scharfe Kanten werden gebrochen, damit das Holz auch an diesen Stellen haptisch erlebt werden kann. Die Natur ist unvorhersehbar und selten uniform. Das ist der Grund, warum jeder natürliche Werkstoff so einzigartig ist: Holz trägt den Fingerabdruck der Natur. CRAFTWAND ist authentisch und wild – eben ungezähmt.

FJ: Holz ist derzeit als Werkstoff im Bauen wieder in aller Munde. In Heilbronn entsteht beispielsweise das erste Holzhochhaus Deutschlands, das auch eine DGNB Zertifizierung anstrebt. Nehmen Sie auch ein gesteigertes Interesse wahr?

JW: Ich spüre dieses wachsende Interesse ebenfalls an der Nachfrage meiner Produkte. Ich denke, dass derzeit ein genereller Wertewandel in unserer Gesellschaft stattfindet. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, unsere Welt für die nächsten Generationen zu schützen. Mit Bedacht wählen wir unsere Konsumgüter aus – ob Lebensmittel, Kleidung oder eben beim Bauen. Und Holz steht per se für Natur und Nachhaltigkeit. Heute werden Holzhäuser, Scheunen und Holzbauten, die Jahrhunderte überlebt haben, als Teil unseres historischen Erbes unter Denkmalschutz gestellt. Sie stehen aber auch für die Dauerhaftigkeit des Werkstoffes.

FJ: Eines der Kernthemen der DGNB ist die Circular Economy. Wie kann man noch mehr Akteure im Bauen dazu gewinnen, sich schon bei der Produktentwicklung damit auseinanderzusetzen, was nach dem Rückbau eines Gebäudes mit ihren Produkten passiert?

Lange Nutzungsdauer dank flexibler Module

JW: Wir sind sehr stolz, mit CRAFTWAND einen Beitrag zum Circular Economy zu leisten. Das System ist nach seiner ursprünglichen Nutzungsphase zu 100% wiederverwendbar ohne an Qualität zu verlieren. Beispielsweise setzt ein Start-Up-Unternehmen die Wand zunächst als einfachen Raumteiler ein, um auf kleiner Fläche mehrere Arbeitsnischen zu gestalten. Wächst das Unternehmen, wird aus den Raumteilern eine Wartezone im Eingangsbereich oder eine Theke in der Teeküche.

Leider gibt es noch viel zu wenige Unternehmen, die sich dafür interessieren, was mit Ihrem Produkt nach dem Verkauf geschieht – insbesondere in der Baubranche. Ich denke, es ist ein richtiger und wichtiger Schritt, das Thema im Rahmen der DGNB Zertifizierung anzugehen, um die Betroffenen zu sensibilisieren. Aber auch der Nutzer muss sensibilisiert werden, welcher Mehrwert in diesem Thema steckt: Investiert er in ein Produkt, das ihn über mehrere Nutzungsphasen flexibel begleitet, spart er langfristig. Möglicherweise gehört dieser Aspekt der Produktentwicklung jedoch schon viel früher adressiert: in der Ausbildung, an den Hochschulen. Für unsere nächste Generation sollte das alles normal und selbstverständlich sein.

FJ: Sie engagieren sich als Mitglied bei der DGNB. Warum ist Ihnen das wichtig?

JW: Zum einen möchte ich die Idee der DGNB unterstützen, mehr Nachhaltigkeit in die Baubranche zu bringen. Dieses Ziel erreicht man mit der Stärke der Gemeinschaft, nicht als Einzelkämpfer. Zum anderen möchte ich natürlich auch selbst nach außen zeigen, dass wir einen Beitrag dazu leisten. Die DGNB Mitgliedsunternehmen kommen aus so vielen unterschiedlichen Branchen und jedes trägt seinen Teil dazu bei, das Bauen nachhaltiger zu gestalten. Das finde ich stark.

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Felix Jansen

Felix Jansen leitet die Abteilung PR und Kommunikation. Zuvor war der Kommunikations- und Medienwissenschaftler in zahlreichen Unternehmen und Organisationen für die Kommunikation verantwortlich, unter anderem für die internationale Start-up-Initiative CODE_n, die GFT Group, den Exzellenzcluster SimTech der Universität Stuttgart und die MFG Baden-Württemberg.

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