Interview, Nachhaltiges Bauen
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„Das Büro ist ein wichtiger identitätsstiftender Ort“ – Interview mit Florian Strähle (Strähle Raum-Systeme GmbH)

Open-Space, Multispace oder klassisch geschlossene Strukturen: Die Gestaltung von Büroräumen unterliegt einem ständigen Wandel. Die Herausforderung: moderne Bürowelten mit dem Wunsch nach Ruhe und Privatsphäre der Mitarbeiter zu vereinbaren. Einen Lösungsansatz und ein Büro der Zukunft hat jetzt DGNB Mitglied Strähle in seinen eigenen Räumlichkeiten in Waiblingen realisiert, wie uns Florian Strähle, Geschäftsführer der Strähle Raum-Systeme GmbH, im Interview erzählt. 

Henny Radicke (HR): Die perfekte Arbeitsumgebung gibt es nicht. Open-Space-Büros sind im Trend, gehen aber oft mit dem Verlust von Ruhe und Privatsphäre einher. Kurzum: Es treffen viele Wünsche und Anforderungen aufeinander, für die Ihr Unternehmen Lösungen schafft. Wie sehen diese aus?

Florian Strähle, Geschäftsführer, Strähle Raum-Systeme GmbH

Florian Strähle (FS): Wir erleben täglich, dass es die eine Bürolösung nicht gibt. Die gewählte Arbeitsumgebung hängt nicht nur von den Organisationsstrukturen und Arbeitsprozessen ab, sondern wird auch maßgeblich von der Unternehmenskultur beeinflusst. Neben Open-Space-Büros und Multispace-Arbeitsumgebungen sind nach wie vor auch klassische, geschlossene Bürostrukturen gefragt – vor allem wenn großer Wert auf Diskretion gelegt wird, wie in Banken oder Rechtsanwaltskanzleien. Mit unseren Trennwand-, Raum-in-Raum- und Akustiksystemen bieten wir Bauherren und Architekten einen Baukasten. Damit können wir alle Raumformen abdecken und individuelle Anforderungen im Hinblick auf Gestaltung, Schallschutz und Raumakustik erfüllen. Das Büro ist nach wie vor ein wichtiger identitätsstiftender Ort. Um diese Qualität zu bieten, müssen Open- und Multispace-Umgebungen funktionieren. Der Akustik fällt hier neben Tageslicht und Lüftung eine zentrale Rolle zu.

HR: An Ihrem Standort in Waiblingen haben Sie nach eigenen Angaben ein Stück Zukunft im Innenausbau abgebildet. Wie sieht diese Zukunft aus?

FS: Unser Anspruch ist es, mit immer wieder neuen Ideen für die Gestaltung von Räumen zu einer verbesserten Nutzerorientierung und mehr Nachhaltigkeit im Innenausbau beizutragen. Wie sich unter diesen Prämissen entwickelte Arbeitsumgebungen „anfühlen“, erleben unsere Mitarbeiter jeden Tag live. Denn das Bürogebäude dient zugleich als Ausstellung, um Bauherren und Architekten unterschiedliche Büroformen zu präsentieren. In der kürzlich ausgebauten Etage haben wir als neuen Lösungsansatz ein offenes Zonierungskonzept umgesetzt.

Durch die richtige Kombination und Anordnung der Glasakustikwand lässt sich für jede Open-Space-Landschaft ein maßgeschneidertes Akustikkonzept realisieren

Mit überwiegend offenen Räumen wollten wir der projektbezogenen Arbeitsweise der Vertriebs- und Entwicklungsmitarbeiter Rechnung tragen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den beiden Abteilungen erleichtern. Trotzdem ist am einzelnen Arbeitsplatz Ruhe und Sichtschutz gewährleistet, um konzentriertes Arbeiten zu erleichtern und das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu fördern. Dies ermöglicht unsere Glasakustikwand. Durch die Kombination von raumhohen Glaselementen mit hochabsorbierenden Glaswand- und Deckenabsorbern lassen sich akustisch voneinander getrennte Zonen bilden und innerhalb dieser Zonen auf die Tätigkeit abgestimmte Nachhallzeiten erzeugen. Die Begrenzung der Absorber auf eine Höhe von 1,40 m und der Verzicht auf Türen bewahrt die Transparenz des Großraums trotz Zonierung. Den Mitarbeitern mit ihren zu den Bürozwischenwänden ausgerichteten Schreibtischen bieten die Absorber sowohl akustische als auch visuelle Abschirmung gegen die benachbarte Bürozone. Für die akustische Abschirmung zu den Fluren sind Glasakustikelemente als Schallschleusen eingesetzt. Auch hier tragen die Absorber wesentlich dazu bei, dass sich die Mitarbeiter nicht beobachtet und durch vorbeilaufende Personen gestört fühlen.

Ein weiterer Wohlfühlaspekt: Die bepflanzte Wand bringt sattes Grün in die Etage und sorgt für ein angenehmes Raumklima.

HR: Was war bei der Planung der Büroräume besonders aufwändig?

FS: Viel Zeit und Grundlagenarbeit haben wir in die raumakustische Planung der neuen Etage investiert. Berechnungen zu den Nachhallzeiten mit Zielwerten von 0,4 bis 0,6 s in den Bürozonen und 0,6 bis 0,8 s im Flurbereich führten dazu, dass zusätzlich zu den Absorberflächen der Glasakustikwand und zu den Deckenabsorbern die freien Wandflächen am Gebäudekern und an den Fassadeninnenwänden (West und Ost) mit stoffbespannten Absorbern ausgestattet wurden. Außerdem haben wir mit Hilfe eines Simulationsprogramms die zu erwartenden Schallpegeldifferenzen berechnet. Die ermittelten Werte lagen in angrenzenden Bürobereichen bei 22 bis 27 dB, in Bereichen auf der anderen Flurseite, also weiter entfernt von der Schallquelle, bei bis zu 34 dB. Zum Vergleich: Mit einer Ganzglas-Trennwand in geschlossener Ausführung mit einschaliger Verglasung wird ein Wert von 32 dB erzielt. Die inzwischen vorgenommenen Messungen der Schallpegeldifferenzen zeigen eine gute Übereinstimmung mit der Simulation und bestätigen, dass die Arbeitsplätze in offenen Bürozonen sehr gut akustisch abgeschirmt werden können. Das Simulationstool werden wir künftig auch in Kundenprojekten nutzen, um unsere Partner bei der Planung zonierter Büroflächen mit fachgerechten Kenngrößen zu unterstützen.

HR: Wie haben die Mitarbeiter die Veränderungen wahrgenommen? Wurden diese in den Veränderungsprozess integriert?

FS: Die Mitarbeiter arbeiteten bisher größtenteils in Zweierbüros, die sie allerdings im Tagesverlauf sehr häufig verließen, sei es um an Besprechungen mit Kunden teilzunehmen, technische Details mit Kollegen zu klären oder Planungsunterlagen zu kopieren bzw. die Ausdrucke abzuholen. Infolgedessen standen die Türen der Büros in der Regel offen, was insbesondere durch die vielen Telefongespräche im Bereich Verkauf zu hohen akustischen Störgraden in den umliegenden Büros führte. Die Mitarbeiter in Vertrieb und Entwicklung waren in die Neukonzeption voll eingebunden – nicht nur als künftige Nutzer, sondern vor allem auch weil sie sich mit unseren Systemen bestens auskennen. Unser Ziel war es, eine funktionierende Multispace-Landschaft zu verwirklichen. Und das ist uns nicht zuletzt dank detaillierter Planung und umfangreichen Simulationen gelungen. Diese haben auch gezeigt, dass dem vielfältigen Besprechungsbedarf am besten mit separaten, unterschiedlich gestalteten Räumen entsprochen werden kann. So befindet sich in der Mitte der Etage, zwischen Entwicklungs- und Vertriebsabteilung, ein mit raumhohen Glaswänden und Tür abgeschlossener Besprechungsraum. Für Kurzbesprechungen steht den Entwicklern zudem ein akustisch abgeschirmter Raum mit Stehtisch zur Verfügung. Im Bereich Vertrieb dient ein Kubus als Rückzugsort für vertrauliche Gespräche und Telefonate, für den spontanen Gedankenaustausch steht ein offener Loungebereich bereit.

HR: Strähle ist seit 2009 DGNB Mitglied, war an der Entwicklung des DGNB Systems für nachhaltige Innenräume beteiligt, eine Etage Ihrer Büroräume ist DGNB zertifiziert. Warum ist Ihnen das Thema wichtig?

FS: Wir kommen aus dem Handwerk. Qualität und Nachhaltigkeit haben bei uns Tradition und sind in unserer Produktphilosophie seit jeher fest verankert. So sind unsere Systeme flexibel versetzbar und durch ihre hochwertige Verarbeitung und ihr zeitloses Design sehr langlebig. Die Zertifizierung für Innenräume haben wir als Chance gesehen, uns mit allen relevanten Aspekten eines nachhaltigen Innenausbaus von den Baustoffen bis zu den Möbeln zu befassen, Erfahrung zu sammeln und diese weiterzugeben.

Durch die Cradle-to-Cradle-Zertifizierung vor drei Jahren hatten wir die relevanten Informationen über die eigene Lieferkette und die in den Produkten verarbeiteten Materialien bereits parat. Die Grundlage für die Glasakustikwand bildet das hundertprozentig recycelbare System 3400. Durch ihre einfache Versetzbarkeit erfüllt die Wand außerdem die aus Sicht der Ressourcenschonung wichtige Forderung, die Raumtypologie jederzeit verändern zu können. Alle übrigen Baustoffe und Produkte wurden unter den Aspekten eines schonenden Umgangs mit Ressourcen, Schadstoffarmut bzw. -freiheit und Recyclingfreundlichkeit ausgewählt. Daraus resultierten u. a. der Einsatz von Eichenparkett aus FSC-zertifiziertem Holz und Stoff für die Bespannung von Absorbern und Schränken aus 100 Prozent recyceltem Polyester.

Für die Glasakustikwand gab es außerdem Punkte in den Hauptkriteriengruppen des DGNB Systems „Ökonomische Qualität“ und „Soziokulturelle und Funktionale Qualität“, weil sie bei effizienter Flächennutzung eine gute Raumakustik und hohen Tageslichtkomfort ermöglicht und durch die Zonierung der Fläche in Arbeitsplatz-, Besprechungs- und Technikbereiche sowohl Konzentration als auch Kommunikation und Bewegung fördert. Positiv bewertet wurden auch die höhenverstellbaren Tische, die es den Mitarbeitern leicht machen, zwischen sitzender und stehender Tätigkeit zu wechseln – und das im Zuge der Neugestaltung installierte Lüftungs- und Klimatisierungsgerät, das den thermischen Komfort in den Sommermonaten verbessert.

Durch die intensive Auseinandersetzung mit den vielen Einzelkriterien für die DGNB Zertifizierung konnten wir eine hohe Aufenthaltsqualität schaffen. Das ist Mehrwert für unsere Mitarbeiter und hoffentlich auch ein Erlebnis für Kunden und Interessierte, die uns besuchen.

Kategorie: Interview, Nachhaltiges Bauen

von

Henny Radicke

Henny Radicke arbeitet als Referentin Digitale Kommunikation bei der DGNB in der Abteilung PR und Kommunikation. Zielgruppenorientiertes Arbeiten, ein Gespür für Themen und Inhalte zu entwickeln und Kommunikation mit all ihren Facetten zu erleben, zu nutzen und zu bedienen sind Aufgaben, die sie seit ihrem Volontariat beim Regionalfernsehen in Stuttgart sowie als Referentin in der Stabsstelle Kommunikation der Baden-Württemberg Stiftung begleiten.

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