Architektur, Projekt des Monats
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Destillat der Stadt

Headquarter-Architektur als eigenständiges architektonisches Sujet? Immer mehr Firmen wollen Botschaften durch ein repräsentatives Gebäude kommunizieren. Im Herzen Berlins baute Zalando sich einen zertifizierten Firmensitz. Wie nähert sich ein Architekt dem Online-Händler?

Architektur für Firmensitze, sogenannte Corporate Architecture, strotzt oft vor Ausdruckswillen. Reichte es einst, Mitarbeitern und deren Arbeitsmitteln genügend Platz zu bieten, so müssen viele zeitgenössische Headquarter einiges mehr können. Die Gebäude sollen Werte und Brand Identities kommunizieren, funktional, effizient und nachhaltig sein. Darüber hinaus muss der Baukörper spontan ansprechen, Landmark-Charakter besitzen und als repräsentative Kulisse für Beiträge in den sozialen Medien herhalten.

Als das Architekturbüro HENN den Wettbewerb um den Firmensitz der Zalando SE gewannen, stand das Büro also vor der Frage: Wie sich der Gemengelage aus Ansprüchen nähern?

Online-Startup an besonderem Ort

Den Großteil seiner Existenz verbrachte Zalando als Start-Up. Obwohl in der Mode-Branche verortet, scheint das charakterbildende Punktum des Online-Versandhändlers Digitalität zu sein, also das Unkörperliche und Entstofflichte. Dazu kam die Lage des Projekts: Das Grundstück befindet sich fußläufig zur Oberbaumbrücke, zum Berghain und der East Side Galery in Friedrichshain-Kreuzberg. Für viele kommt Berlin in dieser Gegend zu sich selbst.

Daniel Festag, Project Director and Senior Associate © HENN

Das Entwurfsteam versuchte also, sich von der Idee des Produkts als Referenzraum für Architektur zu lösen. Stattdessen sollte eine Gebäude entstehen, das „als Bühne funktioniert“, erzählt Daniel Festag, Project Director and Senior Associate bei HENN: „Das neue Headquarter von Zalando sollte nach der Funktionsweise einer Stadt im Allgemeinen – und Berlin im Besonderen – aufgebaut sein: mit Orten fürs Denken, Wegen zum Treffen und Plätzen zum Austauschen.“

Neuinterpretation des Berliner Blocks

In einem ersten Schritt wollte das Team eine Gestalt für den physischen Baukörper finden. Dazu wählten sie die Kubatur eines klassischen Berliner Blocks aus der Gründerzeit, bestehend aus Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude und vor allem – den Innenhöfen. Letztere versetzten sie an die Außenränder und planten ein Atrium, eine Art überdachten Hof für das Zentrum des Gebäudes. So ergab sich ein Grundriss aus zwei nebeneinander liegenden X. Waren die Mietsgebäude der Industrialisierung meist in sich geschlossen, kamen die Planer so zu einer geöffneten Form des Berliner Blocks.

© HENN

Für die Konzeption des Gebäudeinneren fragten sich Festag und die hinzugezogenen Kollegen von Kinzo Architekten: Welche sozialen Sphären und gebauten Entsprechungen sind für eine Stadt wichtig? Als erstes ist da der Marktplatz als Herz der europäischen Stadt seit dem Mittelalter. Diese Funktion wiesen sie dem Atrium zu. Mit seinen breiten (Sitz-)Treppen, der Tageslicht-Stimmung, dem Café, Loungebereichen und einem Kindergarten bildet es das soziale Zentrum des gesamten Komplexes. Zu jeder Stadt gehören Wohnhäuser. HENN wies ihnen im Zalando-Kontext eigens konzipierte „Livingrooms“ zu, kleingestaltigere Begegnungsflächen mit Holzinterieur, Kitchenettes und Barhockern. Die „Catwalks“ stehen für die Boulevards und Verkehrsadern Berlins. Sie verbinden die anderen Sphären untereinander. Und dann sind da noch die „Neighbourhoods“: Als Arbeitsbereiche im klassischeren Sinne sind darin Tischcluster für Projektteams möglich. Zudem bieten sie Rückzugsräume für konzentriertes und individuelles Arbeiten mit wenig Geräuschkulisse.

© HENN

Auf dem Dach und weiteren Ebenen des siebengeschossigen Gebäudes entstanden Außenraumflächen für Gruppenaktivitäten, Außenflächen für das Restaurant mit Blick auf den Arena-Vorplatz oder Sportflächen für Basketball.

Mit Holz: Die Living Rooms heben sich deutlich von der Umgebung ab. ©HGEsch

Nachhaltig und vielfältig

„Die soziokulturellen Ansprüche für einen so großen Komplex in zentraler Lage sind riesig“, sagt Antje Holdefleiss, Senior Consultant bei der Berliner/ Wiener PORR Design & Engineering GmbH und Auditorin des Projekts. „Die Nutzungsvielfalt und der Stilpluralismus der intersozialen Bereiche haben mich an dem Entwurf sofort fasziniert.“ Dementsprechend spannend gestaltete sich während des Baus insbesondere die Arbeit an den „Neighbourhoods“ sowie am Atrium.

Panorama: Der charakteristische Baukörper fügt sich in die Formensprache der Umgebung. ©HGEsch

Das goldzertifizierte Zalando Headquarter punktet jedoch nicht nur in den soziokulturellen und funktionalen Bereichen, auch die ökologischen Qualitäten erreichen sehr gute Performancewerte. Mittels integraler Planung wurde das Gebäude mit ökologischen und ökonomischen Lebenszyklusberechnungen bis auf die Ebene von Einzelbauteilen ganzheitlich betrachtet und optimiert. Durch eine konsequente materialökologische Betreuung wurde ein nachweislich schadstoffarmes Bauprojekt realisiert. Die großflächige Dachbegrünung trägt zu Regenwasserretention und besserem Mikroklima bei. Um den lokalen Wasserkreislauf und Berlins Klimaanpassungsstrategie zu unterstützen, wurde eine Rigolenversickerung umgesetzt.

Von innen nach außen verlagert: die Höfe des Headquarters. ©HGEsch

Auch Ansätze der Circular Economy, wichtiger Bestandteil des DGNB Systems, sieht Holdefleiss im Projekt integriert. „Das ist eines meiner Herzensthemen. Wenn wir über nachhaltiges Bauen reden, reden wir auch immer über Kreislaufwirtschaft“, so die Auditorin. „In Zukunft müssen Stoffkreisläufe noch viel mehr Beachtung finden.“

Große Teile der oftmals geschwungenen Fassade sind aus Glas. ©HGEsch

Der Firmensitz als Campus

Mit der Zeit soll sich Zalandos Firmensitz zu einem Gebäudeensemble mit Campus-Flair ausweiten. Ein weiteres, wesentlich kleineres Gebäude wurde parallel zum Bau des Hauptgebäudes gegenüber realisiert. Mit steigendem Wachstum des Online-Händlers wird bald ein weiterer Baukörper entstehen. HENN wird erneut im Entwurf verantwortlich zeichnen. „Bereits im Hauptgebäude ging es darum, eine Art hochkonzentriertes Destillat der Stadt zu erschaffen“, sagt Daniel Festag, „wenn weitere Bauteile fertiggestellt sind, handelt es sich um viel mehr als einen Firmensitz: ein lebendiger Campus, der einfach zu Berlin gehört.“

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