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15 Jahre DGNB: Vom Aufbruch zum neuen Normal

Rudolphi Samsoe Sattler

Vor 15 Jahren wurde die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen gegründet. Aus einer kleinen Zahl an Weltveränderern wurde bis heute Europas größtes Netzwerk für nachhaltiges Bauen. Einer der Wegbereiter und langjähriger Präsident des Vereins ist Prof. Alexander Rudolphi. Seit 2020 steht Architekt Prof. Amandus Samsøe Sattler dem Präsidium vor. Anlässlich des Jubiläums haben wir mit beiden gesprochen.

Pia Hettinger (PH): Lieber Alexander, du warst als Geschäftsführer der GfÖB einer der Gründungsinitiatoren der DGNB. Was hat dich damals dazu bewegt, einen Verein wie die DGNB zu gründen?

Prof. Alexander Rudolphi (AR): Wir hatten 2006 bereits eine Menge Erfahrung im Bereich des ökologischen Bauens, beginnend bei den Landesrichtlinien in Berlin ab 1986 bis zum Umweltzertifikat der Hafencity Hamburg 2005. Mit der Zeit gab es eine wachsende Nachfrage bei Bauherren und Investoren nach einer Nachhaltigkeits-Zertifizierung. Dafür standen nur das BREEAM und LEED System zur Verfügung…

PH: … zwei Zertifizierungssysteme für Green Buildings, die in England und in den USA entwickelt wurden.

AR: Sie genügten unseren Erfahrungen, Möglichkeiten und Ansprüchen bei Weitem nicht. Das Instrument der Ökobilanz war bereits entwickelt, aber noch nicht vollständig und praxisgerecht auf Gebäude angewandt. Auch der Bund hatte die Absicht, ein Bewertungssystem zu initiieren, das den gesamten Lebenszyklus der Gebäude und aller Bestandteile berücksichtigt und auf Grundlage des damals bereits bestehenden Drei-Säulen-Modells zur Nachhaltigkeit alle quantifizierbaren und skalierbaren Kriterien in einem Bewertungsmodell ganzheitlich zusammenfasst.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns mit der Gesellschaft für ökologische Bautechnik Berlin im Winter 2006/2007 gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut München, der Uni Stuttgart und PE International entschlossen, ein unabhängiges System zu entwickeln und dafür einen deutschen Green Building Council unter dem Dach des World Green Building Council zu gründen. 2007/8 erfolgten dann die Vereinsgründung und die detaillierte Entwicklung des Bewertungssystems.

PH: Was kommt dir in Erinnerung, wenn du an diese Zeit der Systementwicklung zurückdenkst?

AR: Mich hat damals sehr beeindruckt, wie in drei umfangreichen und mehrtägigen Workshops in zahlreichen Arbeitsgruppen über hundert Experten aus allen Bereichen der Bauforschung und Baupraxis die Inhalte konstruktiv, kompetent und ohne jede Konkurrenz erarbeitet haben.

PH: Wie ging es dann weiter?

AR: Ich kam 2004 aus einem Forschungsprojekt im Auftrag des Umweltbundesamtes zur Anwendung von Ökobilanzen im Baubereich und für mich war der Gedanke, ganze Gebäude zu bilanzieren, noch ziemliches Zukunftsdenken. Dass die Anwendung unseres Kriterienkataloges so schnell und erfolgreich möglich wird, habe ich gehofft, aber nicht wirklich geglaubt. Die ersten fünf bis acht Jahre waren dann durch den Mut der ersten Bauherren und Investoren, durch viel Enthusiasmus, dem freiwilligen Engagement vieler kompetenter MitstreiterInnen und viel Diskussionen geprägt. Danach haben die reale Klimaentwicklung, der Umweltgipfel in Paris und Bewegungen wie Fridays for Future den Anschub und die Verbreitung verstärkt.

PH: Heute sind es mehr als 1.600 Mitglieder, über 9.000 zertifizierte Projekte und über 6.000 Experten des nachhaltigen Bauens. Was lösen diese Zahlen in dir aus?

AR: Es ist ein sehr gutes Gefühl zu sehen, dass das, was wir uns damals vorgenommen haben, bis heute richtig ist und dass wir dadurch Zeit hatten, die notwendigen technischen und organisatorischen Instrumente zu entwickeln und zu schärfen, die wir heute dringend brauchen. Heute ist die DGNB als zentraler Wissensträger für nachhaltiges Bauen zunehmend anerkannt und natürlich bin ich stolz darauf, daran mitgewirkt zu haben.

„Es ist ein sehr gutes Gefühl zu sehen, dass das, was wir uns damals vorgenommen haben, bis heute richtig ist.“

 

PH: Lieber Amandus, du hast deine Verbindung zur DGNB im Laufe der letzten Jahre ständig intensiviert. 2009 als Mitglied mit deinem Architekturbüro, seit 2015 im Präsidium und seit 2020 Präsident der Organisation. Was hat dich als Architekt dazu bewogen, dich so stark in der DGNB zu engagieren?

Prof. Amandus Samsøe Sattler (ASS): Mein Tagesgeschäft ist das Planen von Gebäuden. Und da ich seit vielen Jahren auf dem Markt bin, habe ich die Entwicklungen am eigenen Werk miterlebt. Während wir vor 35 Jahren noch mit reduziertem Material- und Technikaufwand gebaut haben, geht es heute um Expansion in allen Bereichen. So ist das Bauen zum Problem geworden, wenn wir die Klimafolgen anschauen.

Wo sonst als in der DGNB kann man als Planer dem Wunsch nachgehen, die Baubranche zu transformieren? Ich wollte mich aktiv einbringen, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen und Teil der Lösung sein. Als ich einmal bei einer Systementwicklung mitgewirkt habe, fand ich es spannend und bereichernd, die Themen mit den unterschiedlichsten Stakeholdern aus der Baubranche zu verhandeln. Als Architekt habe ich damals im Kollegenkreis großen Widerstand hinsichtlich der Umsetzung von Nachhaltigkeitsthemen erfahren. Das hat mich aber eher bestärkt, die Position als Architekt auch in der DGNB weiter zu stärken.

PH: Was zeichnet die DGNB für dich aus?

ASS: Schon damals hat mir die DGNB als Mitgliedsorganisation gefallen, weil sie alle Branchen repräsentiert. In vielen Branchen gibt es ja das Phänomen, dass nur das eigene Denken, als das richtige angesehen wird. Bei der DGNB kommen wir PlanerInnen mit Industrie, Immobilienbranche und Herstellern zusammen. Das ist eine breit angelegte und aufgefächerte Denk- und Arbeitsweise. Nur indem wir uns gegenseitig verstehen, kommen wir weiter bei unseren Bestrebungen für Nachhaltigkeit und können ein markttaugliches Instrument für eine Zertifizierung entwickeln.

Das Wichtigste ist für mich aber, dass die DGNB unabhängig ist. Unabhängig von Politik, Herstellern und Bauwirtschaft. So konnten wir Qualitäten in unserem System herausgebilden, mit starker Außenwirkung. Ich erlebe selbst bei Vorträgen in unseren Nachbarländern, dass die DGNB mittlerweile auch hier eine große Wahrnehmung hat. Wir haben eine Kommunikationsebene erreicht, in der wir auch offensiv Stellung beziehen zu aktuellen Themen der Nachhaltigkeit und unsere klare Haltung zeigen.

„Das Wichtigste ist für mich, dass die DGNB unabhängig ist.“

Die inhaltsgetriebene Arbeitsweise der DGNB und das Ziel, die Nachhaltigkeitsidee in die Breite zu bringen, hat auch dazu geführt, dass wir Initiativen für Architekten und Städte ins Leben gerufen haben. Diese Initiativen stehen nicht nur Mitgliedern zur Verfügung, sondern sie sind offen für alle Interessierten. Jeder kann sich hier einbringen und Teil der Bewegung werden. Diese Offenheit ist auch sehr bezeichnend für den Verein.

PH: Was für Pläne hat die DGNB für die nächsten Jahre?

ASS: Im Prinzip halten wir an den Kernmerkmalen der nachhaltigen Architektur fest: Wir sollten so bauen, dass Menschen und Umwelt nicht zu Schaden kommen. Man darf ja nicht vergessen, dass die nachhaltige Entwicklung bereits seit den 80er-Jahren als Gesellschaftsutopie besteht und im Brundtland-Bericht niedergeschrieben ist. Im stetigen Wandel sind jedoch die Methoden, wie wir glauben, diese Ziel zu erreichen, immer wieder anders. Und ich kann sagen: Wir sind lange noch nicht am Ziel.

In diesem steten Veränderungsprozess fragen wir uns als DGNB natürlich permanent, wo wir mit dem Verein die Themen setzen, um weiter zu kommen. Wir haben den Willen, weiter Vorreiter zu sein. Auf der inhaltlichen Ebene ist es mir persönlich sehr wichtig, die Themen „Bauen im Bestand“ und „zirkuläres Bauen“ noch mehr in die DGNB einzubringen. Aktuell entwickeln wir eine Version 2030 für das Zertifikat, in der wir uns auf die Kernthemen für eine nachhaltige Zukunft fokussieren, stärker vom Bestand her denken und die Kriterien weiter verschärfen. Das ist eine sehr wertvolle Entwicklung.

PH: Du schaust also positiv in die Zukunft?

ASS: Ja natürlich! Ich habe auch meinen Arbeitskontext neu gegründet, weil ich eine Chance darin sehe, dass wir mit dem Bauen, Teil der Lösung für eine nachhaltige Gesellschaft werden können. Auch wenn ich jeden Tag das Gegenteil erlebe, glaube ich daran, dass wir besser werden können, wenn wir uns alle ehrlich darum bemühen und wirklich etwas verändern in unserem eigenen Wirken.


Alexander Rudolphi lehrte als Professor für Nachhaltiges Bauen und Abfallwirtschaft fast 15 Jahre an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Seit 2013 ist der studierte Bauingenieur Geschäftsführer des Beratungsbüros für Nachhaltiges Bauen und Bestandssanierung Rudolphi + Rudolphi. Die DGNB begleitet er als Mitinitiator seit ihren Anfängen und ist mit der Gesellschaft für ökologische Bautechnik auch Gründungsmitglied. Von Anbeginn bis heute ist Rudolphi Teil des DGNB Präsidiums, dem er von 2013 bis 2020 als Präsident vorstand.

Amandus Samsøe Sattler ist Professor für den Fachbereich Architektur an der IU Internationale Hochschule. Seit 2022 ist er Mit-Gründer und Inhaber von ensømble studio architektur Berlin, das sich konsequent dem nachhaltigen Bauen und einer reduktiven Moderne verschreibt. 1993 gründete er mit seinen Partnern Allmann Sattler Wappner Architekten, mit welchem er seit 2009 Mitglied bei der DGNB ist. Seit 2015 ist er Teil des DGNB Präsidiums und seit 2020 dessen Präsident.

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