DGNB Jahreskongress 2022, Diskurs, Sustainable Finance
Schreibe einen Kommentar

ESG – nur alter Wein in neuen Schläuchen?

ESG - nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Ein kurzes Akronym hat die Immobilienwirtschaft seit dem vergangenen Jahr ordentlich aufgewühlt. Im Kontext von Sustainable Finance und der EU-Taxonomie wird ESG, kurz für Environmental Social Governance (zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung), seither viel diskutiert. Mit ihr soll evaluiert werden, wie gewissenhaft Unternehmen mit ihrer ökologischen und sozialen Verantwortung umgehen. Beim DGNB Jahreskongress diskutierten Expertinnen und Experten zum Thema. Was ist aktuell noch heiße Luft? Und mit welchen Faktoren sollte man sich jetzt schon auseinandersetzen?

BLOGSERIE ZUM DGNB JAHRESKONGRESS 2022 (TEIL 5)
Am 23. und 24. Februar veranstaltete die DGNB einen digitalen Jahreskongress. Das Motto: die zunehmend vielfältigen Diskussionen rund ums nachhaltige Bauen aufgreifen und zusammenführen. Neben Impulsen und persönlichem Matchmaking standen zahlreiche Gesprächsrunden auf dem Programm. In sieben Beiträgen fasst diese Blogserie die wichtigsten Botschaften der Themenräume zusammen. Im nächsten Beitrag geht es um die neue Commitment-Kultur in Sachen Klimaneutralität.

 

„Alter Wein in neuen Schläuchen“, diese Metapher ist in der Diskussionsrunde „Hype oder Hoffnung? Ein nüchterner Blick auf die ESG Debatte“ beim DGNB Jahreskongress 2022 des Öfteren gefallen. Denn überraschend sollte das Thema nicht sein. Schon lange ist die eng verwandte CSR (Corporate Social Responsibility) ein Thema in der Unternehmensführung. Da die EU aber kein eindeutiges ESG-System vorgibt, nach dem berichtet werden muss, wissen viele nicht, wie und wo genau sie anfangen sollen.

Moderiert durch DGNB Vorstand Dr. Christine Lemaitre widmeten sich die Expertinnen und Experten aktuellen Fragestellungen rund um das Thema ESG. Zu Gast waren Susanne Eickermann-Riepe (Vorsitzende des RICS European World Regional Board, Vorsitzende RICS Deutschland, Vorsitzende ICG sowie Vorsitzende des DGNB Immobilienbeirats), Hermann Horster (Regional Director / Head of Sustainability bei der BNP Paribas Real Estate Consult GmbH sowie DGNB Vizepräsident) und Peter Engert (Geschäftsführer der ÖGNI – Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft).

Nutzen, was da ist – Daten sammeln – sortenrein analysieren

Die BNP Paribas Real Estate Consult ist Dienstleister vor allem in kaufmännischer Hinsicht – u.a. im Asset und Property Management und der Portfoliobewertung. Das Unternehmen reportet laut Hermann Horster seit längerem nach dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Im Markt beobachtet Horster eine gewisse Unsicherheit, da das normative Rahmenwerk der EU noch nicht endgültig ausdefiniert ist: Er nimmt wahr, dass in vielen, vor allem institutionellen Unternehmen gerade eigene ESG-Kataloge mit den verfügbaren Tools gestrickt werden. Doch auch, wenn es noch ein schwieriges und unübersichtliches Feld ist, findet er gut, dass diese Entwicklung jetzt stattfindet.

Susanne Eickermann-Riepe beschäftigt sich u.a. in ihrer Position als Vorsitzende des ICG Instituts mit der Corporate Governance in der deutschen Immobilienwirtschaft. Das ICG versteht sich als Think- und Do-Tank für „Good Governance“ und unterstützt die Transparenz durch Auditierung und Zertifizierung. Im europäischen Umfeld beobachtet Eickermann-Riepe bisher eine Vernachlässigung des „G“, also der ethischen Unternehmensführung und -kultur. Erst jetzt erleben wir ihrer Meinung nach die Stufe, auf der das „G“ zündet. Aufsichtsräte und Vorstände von Unternehmen werden nun dazu verpflichtet, nicht nur nach dem wirtschaftlichen Erfolg zu streben. Soziale und ökologische Aspekte müssen in die Betrachtung einbezogen werden, da die Akzeptanz sonst schwindet. Die Basis bilden Daten, die transparent und nachvollziehbar sein müssen (z.B. durch den Einsatz eines Audit Trails).

Mit der ÖGNI, der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft, hat Geschäftsführer Peter Engert schon mehrere tausend Projekte auf Taxonomie-Konformität gecheckt. Gegen eine Vermischung von ESG und Taxonomie wehrt er sich. Als Zertifizierer nachhaltiger Gebäude hat die ÖGNI klare Definitionen für die technische Beurteilung eines Projekts zur Taxonomie. Für die Bewertung der ESG ist sie aber auf der Suche nach verlässlichen Kooperationspartnern, die auf Basis dieser technischen Beurteilung den Schritt Richtung ESG-Bewertung gehen können. Sein Vorschlag: ESG, Taxonomie und Zertifizierung sortenrein behandeln, und erst am Ende zusammenführen.

Der Kern der Veranstaltung in Zitaten

Hype oder Hoffnung? Die Diskutanten sind sich einig und glücklich über die Entwicklungen der letzten eineinhalb Jahre: Ein Hype ist ESG jedenfalls nicht. Nach und nach wird sich jedes Unternehmen damit auseinandersetzen (müssen). Und trotz der jetzt herrschenden Unsicherheiten im Markt, sind sie zuversichtlich, dass es zukünftig zementierte Wegweiser geben wird.

Diese Aussagen sind besonders hängen geblieben:

„Im Kern sind das die Themen, die uns seit 10 / 15 Jahren beschäftigen, die sich jetzt zugespitzt haben. Und die jetzt einfach so dringlich sind, dass sie einer Lösung auch in unserer Branche bedürfen.“ (Horster)

„Wir kümmern uns derzeit noch sehr stark um das E [Environmental], ein bisschen um das S [Social], aber das G [Governance] ist noch gar nicht so richtig in den Köpfen angekommen.“ (Eickermann-Riepe)

„Je professioneller, je institutioneller die Investoren sind, desto mehr werden sie diese Transparenz fordern, weil sie ansonsten gegenüber ihrem Fonds, gegenüber den Finanzierern, keine Möglichkeit mehr haben, einen Kauf zu rechtfertigen.“ (Eickermann-Riepe)

„Ich beruhige mich bevor ich schlafen gehe immer wieder mit dem Gedanken: Wir sind noch in einer Pionierphase. Vieles wird noch beurteilt werden müssen, vieles wird sich noch entwickeln müssen.“ (Engert)

Das Fazit: Wo soll man jetzt anfangen?

Für viele stellt sich nun immer noch die Frage: Wo und wie soll man jetzt anfangen? Darauf haben die Diskutierenden einen pragmatischen und zugleich ermutigenden Rat zum Schluss. Warten Sie nicht darauf, bis der letzte Strich gesetzt und alle Regularien final aufgesetzt sind. Fangen Sie einfach an! Tauschen Sie sich mit anderen aus. Nehmen Sie an Diskussionsrunden und Informationsveranstaltungen wie dieser teil. Ergreifen Sie erste, einfach umzusetzende Maßnahmen und arbeiten Sie sich immer weiter zum Ziel. Und das Wichtigste: Sammeln Sie so viele Daten wie möglich für eine transparente Nachvollziehbarkeit – die werden Sie in jedem Fall brauchen.

Mehr Informationen und die Zusammenhänge von ESG, EU-Taxonomie und DGNB Zertifizierung unter dem Schirm der Sustainable Finance finden Sie hier auf der DGNB Website.

Der Mitschnitt in voller Länge

Auf dem DGNB YouTube-Kanal finden Sie alle Themenräume sowie die Impulsvorträge beider Kongresstage. Und hier können Sie die Diskussion im ESG-Themenraum nachschauen:

Themenraum zur ESG Debatte beim DGNB Jahreskongress 2022

Weitere Beiträge zur Blogserie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.