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Europawahl mit Signal: Klimaschutz-Botschaft an die Etablierten

Das Ergebnis der Europawahl ist zweifelsfrei ein Fingerzeig mit einem gewaltigen Nachhall. Während die großen Volksparteien dramatisch verlieren, verzeichnen die Grünen große Zugewinne. 48 Prozent der Wähler gaben an, dass der Klima- und Umweltschutz die größte Rolle bei der Wahlentscheidung gespielt hat – weit mehr als doppelt so viel wie 2014 (Quelle: tagesschau.de, Infratest dimap). Es ist das zentrale Zukunftsthema, und hierbei sind es vor allem die jungen Menschen, die darin die größte Bedrohung erkennen. Was wir jetzt brauchen, ist eine fakten- und erfahrungsorientierte Diskussion und Lösungen, die pragmatisch umsetzbar sind.

Diejenigen, die heute an den Demonstrationen von „Fridays for Future“ teilnehmen, werden ein Wachstum der Weltbevölkerung auf 10 bis 11 Milliarden Menschen erleben. All diese Menschen müssen versorgt werden. Sie werden es mit einem Ansteigen der Meeresspiegel um einen halben Meter, mit Trinkwassermangel, Ressourcenverknappung und Flächenkonkurrenz zu tun bekommen. Drastische Umweltereignisse, Versteppung und Überflutungen werden zunehmen. Am Ende ihres Lebens werden zwei Drittel der Menschheit in Megacities leben und sie müssen sich mit einer steigenden Umweltmigration und Ressourcenkonflikten auseinandersetzen.

Umso absurder erscheinen politischen Reaktionen in der Weise, ob überhaupt während der Schulzeit demonstriert werden darf. Auch das oft beobachtete, milde Lächeln war provozierend – nun ja, es sind eben Kinder. Während unsere Wissenschaftler immer häufiger und dringlicher ein entschlossenes Handeln anmahnen und ständig auf die immer kürzer werdenden Handlungsfristen hinweisen, verstricken sich unsere politischen Entscheidungsträger in Partikularinteressen und in der Angst vor möglichen Belastungen in der Bevölkerung, die mit deutlichen und effektiven Veränderungen verbunden sein könnten. Sie bieten keine Lösungswege an – und werden dafür abgestraft.

Der große Erfolg der AfD in den ostdeutschen Ländern bringt mich – wie viele andere – in Erklärungsnot. Immerhin ist sie die einzige Partei, die den menschengemachten Klimawandel in Trump‘scher Manier leugnet und die wegweisenden Beschlüsse der Klimakonferenz in Paris ablehnt. Damit ergibt sich zur DGNB so etwas wie eine Unvereinbarkeit. Wo sind die jungen Leute im Osten – was ist mit ihrer Zukunft?

Nachhaltiges, klimagerechtes Bauen braucht politische Begleitung und Gestaltungswillen

Für die Grünen wächst die Verantwortung, sie müssen jetzt liefern: konkrete umsetzbare Lösungen, und das zeitnah. Neben der Energiewirtschaft (Stichwort Braunkohle) und dem Verkehr ist die Bauwirtschaft der Sektor mit dem größten Ressourcenverbrauch und der größten Emission klimaschädlicher Gase – mit unseren Gebäuden verbindet sich damit auch ein gewaltiges Einsparpotenzial. Der Mittelwert des Energieverbrauches unserer Gebäude liegt immer noch viel zu hoch, nämlich bei über 170 kWh pro Quadratmeter und Jahr. Ein Viertel der Wohngebäude verbraucht sogar noch mehr als 250 kWh pro Quadratmeter und Jahr – und das bei etwa 18 Millionen Wohngebäuden in Deutschland. Zukunftsfähig ist das nicht.

Die DGNB hat mit dem ganzheitlichen Bewertungs- und Zertifizierungssystem in den letzten 10 Jahren gezeigt, dass ein effektives Handeln sozialverträglich und wirtschaftlich immer noch möglich und vor allem nötig ist. Fast 5.000 zertifizierte Projekte sprechen für sich. Seit Jahren treten wir auch in Berlin dafür ein, die notwendigen Maßnahmen mit flankierenden politischen Anreizen zu fördern. Die finanzielle Förderung und Umlagefähigkeit von Sanierungsarbeiten könnte an die Umweltwirkung geknüpft werden. Bei der diskutierten Änderung der Grundsteuer könnte die Umweltwirkung eines Gebäudes analog zum Auto ein Parameter werden.

Auch die Offenheit für Innovationen jeder Art im DGNB System ist ein wichtiges Element – wir brauchen die Kreativität unserer Ingenieure und Architekten, denn mit den heute üblichen Technologien ist der künftige weltweite Bedarf an Gebäuden, Versorgung und Infrastruktur angesichts knapper werdender Ressourcen nicht zu decken. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass wir anstelle von Kosten oder einzelnen technischen Maßnahmen allein den erreichten Nutzen und die resultierende Umweltwirkung als Indikator für den Erfolg unseres Handelns wählen.

Natürlich werden wir als DGNB auch in Zukunft für diese Ziele werben – unabhängig von der jeweiligen Parteienlandschaft. Aber wir müssen auch in den Parteien selbst verstärkt aktiv werden, denn wir brauchen die aktive politische Begleitung. Sollte sich das Ergebnis der Europawahl z.B. demnächst bei der Landtagswahl in Brandenburg wiederholen, wären zumindest dort die möglichen Ansprechpartner weg.

Kategorie: Allgemein, DGNB

von

Prof. Alexander Rudolphi

Die DGNB ist von Beginn an eng verbunden mit Prof. Alexander Rudolphi. Er war einer der 16 Mitbegründer des Vereins und dessen Gründungspräsident. Die Funktion des DGNB Präsidenten hat er seit 2013 erneut inne. Er ist Berater für ökologische Bauteiloptimierung und Gütesicherung, Sachverständiger für Holz- und Bauschäden sowie Mitinhaber der Beratungsgesellschaft Rudolphi & Rudolphi. Zuvor war er Mitbegründer und Geschäftsführer der Gesellschaft für ökologische Bautechnik Berlin GFÖB.

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