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Unschöner Populismus: Kommentar zum SPIEGEL-Titel „Teurer Wohnen“

DER SPIEGEL: Cover der Ausgabe 05/2022

Die Titelstory der SPIEGEL-Ausgabe vom 29. Januar 2022 ist ein Hingucker der fragwürdigen Art. Visuell und textlich werden dabei Stereotype bedient, damit Ängste geschürt und negative Zukunftsbilder zementiert. Das ist mit Blick auf die Klimaschutzherausforderungen im Bauen in hohem Maße kontraproduktiv. Und es verdeutlicht die außerordentliche Verantwortung, die Publizierende bei dem Thema heute haben.

Ein Einfamilienhaus vollgepflastert mit Photovoltaik-Modulen. Drei Windräder auf dem Dach. Dazu einige weitere Features, die dafür sorgen, dass vom Haus selbst kaum mehr etwas zu sehen ist. Was der SPIEGEL seinen Leserinnen und Lesern auf dem Cover anbietet, ist ein maßlos überzeichnetes Szenario eines Gebäudes, das scheinbar dem Klimaschutz dient. Es wird vermittelt: So kurios und unschön sehen klimafreundliche Häuser von morgen aus.

Und als wäre das nicht genug, benutzen die Magazinmacher die Überschrift „Teurer Wohnen“, ergänzt um die nicht minder populistische Unterzeile „Kostenfalle Klimaschutz: Was auf Mieter und Eigentümer zukommt“. Nicht als Frage oder Konjunktiv formuliert. Sondern als faktische Kausalkette: Das Wohnen wird noch teurer, Schuld hat der Klimaschutz, das wird so kommen, Punkt. Schließlich sagt das ja der SPIEGEL.

Einseitige Überspitzung als Futter für Skeptiker

Als Non-Profit-Organisation, die sich für mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz einsetzt, lässt einen das ziemlich sprachlos zurück. Zumal die dazugehörigen Artikel der Titelstory diesen Populismus nicht mal vollständig unterfüttern. Für die Auflage mag das gut sein. Im Wissen um die Macht der Bilder und die Herausforderungen, vor denen nicht nur die Branche, sondern wir als Gesellschaft stehen, ist das aber mindestens mal fahrlässig. Weil es denen, die sich in der Bau- und Immobilienwirtschaft um das nachhaltige Bauen seit langem erfolgreich drücken, weiter Futter zum Nichtstun gibt.

Statt Gestaltungsmöglichkeiten aufzuzeigen und Positivbeispiele nach vorne zu stellen, werden solche Bauprojekte thematisiert, bei denen etwas nicht funktioniert hat. Es wird ein Ist-Zustand der Branche präsentiert, der mehr als düster ausfällt. Natürlich ist nicht alles toll. Aber es ist auch nicht alles schlecht. Zudem wird zwischen den Zeilen vermittelt, dass dieser Ist-Zustand etwas Unveränderliches ist. Eine Zukunft, die feststeht. Chance auf Besserung oder Prinzip Hoffnung? Nicht im Bauen.

Dabei ergeben sich durch Nachhaltigkeit und Klimaschutz viele neue Möglichkeiten. Geschäftsfelder, die viele Unternehmen bereits adressiert haben und Lösungen anbieten. Und das ist nicht nur der auch hier wieder zitierte Energiesprong. Rund um diesen ist es offenbar gelungen, erfolgreich Lobbyarbeit zu machen, so prominent, wie dieser an vielen Stellen auftaucht. Es ist ein guter Ansatz, ja. Aber eben auch nur einer von vielen, von denen zahlreiche ihre Berechtigung haben, die vielversprechend sind und Mut machen.

Wenn eine Koryphäe wie Prof. Hans Joachim Schellnhuber 30 Jahre benötigt, um zu erkennen, dass das Bauen der „Elefant im Klimaraum“ ist, wie soll denn die durchschnittliche Leserschaft des SPIEGELs hier auch nur im Ansatz zu einer differenzierten Meinung bei dem Titel kommen? Dass in dieser durch die Kostendebatte aufgeladenen Titelstory dann ausgerechnet das Thema Materialpässe einen solch großen Raum mit einer eigenen Seite bekommt, ist zudem paradox. So richtig und wichtig das Thema ist: Hier wird im Artikel das Kostenthema komplett ausgespart?! Hier gibt es nicht die Nachfrage, wer diese Materialpässe heute erstellen kann und welche Aufwände damit verbunden sind.

Appell an alle Medienschaffenden

Alles in allem ist dieser Kommentar als Appell an alle Journalisten zu verstehen, die sich Nachhaltigkeits- und Klimaschutzthemen im Bauen widmen. Ein Appell dafür, sich ihrer außerordentlichen Verantwortung bewusst zu sein. Sie können mit ganz wenig, ganz viel manifestieren – im Guten, aber leider vor allem auch im Schlechten. In diesem Fall wurde eben wieder einmal in die bequeme Klischeekiste gegriffen.

Klimapositiv betrieben: das Rathaus im Stühlinger in Freiburg | © DGNB

Hätte ein gutes Cover für die SPIEGEL-Ausgabe abgegeben: das klimapositiv betriebene Rathaus im Stühlinger in Freiburg | © DGNB

Zum Glück gilt dieser Beitrag ja nicht für alle Publizierenden. An anderer Stelle gibt es ja auch tolle Entwicklungen. Immer mehr Medien nehmen sich vor, viel mehr Positivberichterstattung zu betreiben. Nicht mit rosaroter bzw. grüner Brille, aber eben auch nicht schwarzmalerisch.

Auch hier wäre das möglich gewesen. So hätte der SPIEGEL auch das Rathaus im Stühlinger aus Freiburg auf die Titelseite bringen können. Ein bereits vor elf Jahren geplantes öffentliches Gebäude, das heute klimapositiv betrieben wird. Das beispielhaft zeigt, dass die Erzeugung von erneuerbaren Energien auch architektonisch wertvoll sein kann. Und mindestens genauso wichtig: Das von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadt Freiburg gleichermaßen gerne genutzt wird wie von den Bürgerinnen und Bürgern.

Stattdessen fiel die Wahl auf Überzeichnung, Einseitigkeit und Populismus. Was bleibt ist die kürzeste aller Fragen: Warum?

Kategorie: Diskurs, Impuls

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Seit Anfang 2009 ist Dr. Christine Lemaitre im Team der DGNB – zunächst als Leiterin der Abteilung System. Ein Jahr später übernahm sie die Rolle als Geschäftsführender Vorstand. Seither leitet die promovierte Bauingenieurin die Geschicke der DGNB. Die dreifache Mutter setzt sich gerade auch international für Nachhaltiges Bauen ein – etwa als Präsidiumsmitglied der Sustainable Building Alliance. Von 2015 bis Juni 2019 war sie zudem Vorsitzende des European Regional Network im World Green Building Council.

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