DGNB, DGNB System Version 2018
Schreibe einen Kommentar

Mobilitätsinfrastruktur, oder: Welchen Beitrag Gebäude zur Verkehrswende leisten können

Eine Immobilie, das ist ganz wörtlich genommen etwas Unbewegliches. Dabei hat ein Gebäude sehr wohl mit Mobilität zu tun – gerade, wenn es um die Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel geht. Die DGNB hat dem Thema „Mobilitätsinfrastruktur“ ein eigenes Kriterium gewidmet und darin in der Version 2018 ihres Zertifizierungssystems wichtige Zukunftsthemen neu mit aufgenommen.

Eine nachhaltige Mobilitätsinfrastruktur: Was ist das überhaupt? Für die DGNB sind folgende Merkmale wesentlich:

  • Sie ermöglicht es den Nutzern, das für ihre individuellen Ansprüche geeignetste Verkehrsmittel zu wählen.
  • Sie hilft dabei, Schadstoffbelastungen und andere negative Auswirkungen zu reduzieren, die durch individuellen motorisierten Individualverkehr entstehen. Das gelingt, indem am Gebäude die Voraussetzungen geschaffen werden, vielfältige Mobilitätsangebote zu nutzen.
  • Sie steigert die Zufriedenheit der Nutzer mit dem Standort und dem Gebäude, indem die bezahlbare Mobilität ausgebaut wird und der gesundheitsfördernde Rad- und Fußverkehr gestärkt wird.

Mehr als komfortable Fahrradstellplätze

Was nach hehren Zielen klingt, ist weder Zukunftsmusik noch Hexenwerk. Nur müssen am Gebäude die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden, damit aus Wünschen Realitäten werden. Wenn die Wege gut ausgebaut sind, werden Kunden zu Fuß gehen, anstatt für kurze Wege ins Auto zu steigen. Zum Büro werden Mitarbeiter dann radeln, wenn sie nach schweißtreibenden Fahrten im Betrieb duschen können und wenn sie keine Angst haben brauchen, dass ihre Räder auf dem Stellplatz geklaut werden. Die Frage nach einer nachhaltigen Mobilitätsinfrastruktur hört aber bei weitem nicht bei den Abstellanlagen für Fahrräder auf.

Ziel ist es, Schadstoffbelastungen und andere negative Auswirkungen zu reduzieren, die durch motorisierten Individualverkehr entstehen.

Unsere Mobilität steckt in einer fundamentalen Umbruchphase, in der dem einzelnen Gebäude eine viel größere Relevanz zukommt als je zuvor. Der technische Fortschritt ist rasant, weshalb auch Bauherren sich mehr und mehr damit beschäftigen müssen, wie sie mit einem veränderten Verkehrsnutzungsverhalten umgehen. Wie das aussehen kann, zeigt das Kriterium im DGNB System. Es belohnt eine Reihe von Maßnahmen, die ganz konkret die Verkehrswende unterstützen. Dabei geht es um konkret umsetzbare Ideen, mit denen Gebäude für zukünftige Anforderungen gerüstet sind.

Mobilitäts-Sharing – unkompliziertes Leihen ermöglichen

Stellen Sie sich vor: Direkt vor der Haustür, nur ein paar Schritte davon entfernt, können Sie sich ein Fahrzeug leihen. Auto, Roller oder Rad. Ganz unkompliziert. Die DGNB ist sich sicher: Wenn die Möglichkeit geboten wird, teilen sich viel mehr Menschen ein Fahrzeug und verzichten auf ein eigenes. Deshalb gibt es im Rahmen der Zertifizierung Bonuspunkte, wenn am Gebäude Stellplätze für Mobilitäts-Sharing gut zugänglich oder in unmittelbarer Nähe zum Eingang zur Verfügung stehen. Ebenfalls positiv bewertet wird, wenn das Gebäude innerhalb des Geschäftsgebiets eines Free-Floating-Anbieters liegt.

An Ladestationen denken

Nicht jeder kann, oder möchte, auf ein eigenes Auto verzichten. Wenn schon ein Auto, dann sollte es im Sinne der Nachhaltigkeit zumindest ein elektrisches sein. Hier haben Planer großen Einfluss auf die Kaufentscheidung. Nur wenn Autofahrer ihr Auto überall und jederzeit aufladen können, wird sich das Elektroauto durchsetzen. Hier unterstützt die DGNB die Forderung des Bundesprogramms Ladeinfrastruktur, das eine bundesweite und flächendeckende Ladeinfrastruktur mit 15.000 Ladesäulen aufbauen möchte. Wer ein nachhaltiges Gebäude bauen möchte, für den sollte es demnach selbstverständlich sein, ausreichend Ladestationen einzuplanen.

V2G – die Autobatterie als Energiespeicher

Noch einen Schritt weiter gehen „Vehicle to Grid“ (V2G)-Ladestationen. Die Übersetzung „vom Fahrzeug zum Netz“ verrät, worum es geht. Mit V2G wird die Autobatterie zum Energiespeicher, kann Strom kostengünstig zwischenspeichern und bei Bedarf zurück ins Stromnetz speisen.
Die Technik bietet weitere Vorteile: Das Stromnetz wird stabilisiert, weil es nicht von einigen wenigen Energielieferanten abhängig ist. Zudem werden Stromausfälle abgefedert und kein Windrad muss mehr abgestellt werden, weil Speicherplatz fehlt. Damit unterstützt V2G die Zukunftsfähigkeit einer nachhaltigen Energiewirtschaft. Das kann nur funktionieren, wenn Neubauten heute schon diese Technik unterstützen. Deshalb belohnt es die DGNB in der neuesten Version des Kriterienkatalogs, wenn eine Vorrüstung für bidirektionales Be- und Entladen von Elektrofahrzeugen vorhanden ist.

Viele Wege führen zur neuen Mobilität

Diese und andere im Kriterium aufgeführten Punkte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Planer und Architekten sollen und können andere Wege finden, die die Nutzer des Gebäudes dazu bewegen, umfangreich und häufig den Umweltverbund zu nutzen. Wenn es bauliche Maßnahmen schaffen, dass die Gebäudenutzer öfters zu Fuß gehen, auf das Fahrrad steigen, den Bus nehmen oder Leihangebote nutzen, werden diese Maßnahme ebenfalls positiv bewertet. In diesem Sinne will die DGNB gerade beim Thema Mobilität innovative Ideen fördern, um die besondere Relevanz für die Zukunftsfähigkeit unserer Städte zu betonen.

Der Klimawandel lässt sich nur begrenzen, wenn viele Menschen ihr Verhalten ändern. Menschen sind bequem. Solange es komfortabler ist, in sein eigenes Auto zu steigen, werden die Menschen keines leihen. Solange es unkomplizierter ist, Benzin statt Strom zu tanken, werden nicht mehr Elektroautos auf den Straßen fahren. Deshalb müssen Alternativen und Anreize angeboten werden. Direkt am und vor dem Gebäude. Hierfür braucht es Bauherren, die bereit sind, mehr zu machen. Im Rahmen der DGNB Zertifizierung werden sie dafür jedenfalls belohnt.

Kategorie: DGNB, DGNB System Version 2018

von

Dr. Anna Braune

Anna Braune studierte Technischer Umweltschutz an der Technischen Universität Berlin und schrieb ihre Diplomarbeit über Ökobilanzen von Abwasseranlagen in Zusammenarbeit mit der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (Schweiz). Sie arbeitete für verschiedene Beratungsunternehmen im Bereich Nachhaltigkeit und Gebäudetechnik. Von 2004 bis 2007 war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Stuttgart, am Lehrstuhl für Bauphysik, Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung, tätig. Sie war Initiatorin und bis Ende 2008 die Gründungs-Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Danach arbeitete sie beim Nachhaltigkeits-Beratungs- und Softwareunternehmen PE International, umbenannt seit 2014 in thinkstep. Als Principal Consultant war sie verantwortlich für das Team “Nachhaltiges Bauen” des Beratungsbereichs. Seit September 2015 arbeitet Anna Braune wieder für die DGNB, als Leiterin Forschung und Entwicklung.

Diesen Artikel drucken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.