Quartiere
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Ein nachhaltiges Quartier ist mehr als die Summe optimierter Gebäude

Der Wandel der Baubranche zu mehr Nachhaltigkeit lässt sich allein im Bereich der Einzelgebäude nicht lösen. Stattdessen rückt die Handlungsebene des Quartiers stärker in den Fokus. Die DGNB bietet dafür ein eigenständiges System an. Dr. Stephan Anders, DGNB Abteilungsleiter Zertifizierung, hat grundlegende Gedanken zum Quartierssystem einmal geordnet.

In den kommenden Jahrzehnten hat es die Weltbevölkerung mit zwei grundlegenden Veränderungsprozessen zu tun, die beide ungefähr zeitgleich ablaufen werden. Da wäre zum einen der Zuzug in die Städte, deren Wachstum sowie jegliche Formen der Urbanisierung. Und zum anderen der Klimawandel, die Welt wird immer wärmer.

Dazu kommt: Beide Vorgänge stehen in Wechselwirkungen zueinander, denn in Großstädten sind die Folgen des Klimawandels häufig besonders deutlich spürbar. Städte müssen sich also in Zukunft noch stärker auf die beiden Aufgaben konzentrieren, den eigenen Beitrag zur Erderwärmung so gering wie möglich zu halten und ihrer wachsenden Bevölkerung ein hohes Maß an Lebensqualität zu bieten. Diese Herausforderung ist freilich nicht allein auf Gebäudeebene zu bewältigen.

Fünf Themenfelder und sieben Nutzungen für nachhaltigere Städte

Eine Grundlage für die (Um-)Gestaltung nachhaltiger Städte ist die Planung nachhaltiger Quartiere. Das DGNB System für Quartiere wurde im Jahr 2020 neu aufgelegt, zudem haben wir es auch in englischer Sprache veröffentlicht. Grund genug, an dieser Stelle noch einmal inne zu halten und Konzept und Aufbau des Systems zu rekapitulieren.

Für das Quartierssystem haben wir auf einer übergeordneten Ebene die Herausforderungen betrachtet, denen ein nachhaltiges Quartier begegnen muss. Das sind elementare Handlungsfelder wie Klimaschutz und nachhaltige Energieversorgung, clevere Flächenplanung, Nutzungsmischung, sinnvolle Verkehrskonzeption, Durchlüftung und Luftqualität sowie Themen rund um die Biodiversität.

Um komplexen Herausforderungen wie diesen in Kriterien zu begegnen, haben wir auf das bewährte DGNB Konzept der Themenfelder zurückgegriffen. Im Quartierssystem gibt es fünf Themenfelder: ökologische, ökonomische, soziokulturelle und funktionale, technische und prozessbezogene. Standortbezogenen Kriterien sind integral im System eingearbeitet. Jedes Themenfeld wird mit 20 % gewertet. Um den unterschiedlichen Ansprüchen verschiedener Quartierstypen gerecht zu werden, können Bauherren in sieben verschiedenen Profilen zertifizieren: Stadtquartiere, Businessquartiere, Gewerbegebiete, Industriestandorte, Event Areale, Resorts und Vertical Cities, also stark verdichtete Hochhausensembles.

Am Anfang war die Planung

Die Qualität des Planungs- und Beteiligungsprozesses ist bei Quartiersentwicklungen besonders wichtig, denn nur durch die frühzeitige Beteiligung von lokalen Stakeholdern und Fachplanern können alle Belange ganzheitlich berücksichtigt und in ein integrales Planungskonzept überführt werden. Ein Beispiel: die Orientierung und Ausrichtung der Gebäude zueinander. Flächensparende Bauweisen fördern, dabei die Versorgung mit Frischluft gewährleisten, Freiräume für Begegnung einplanen und gleichzeitig ästhetisch ansprechend gestalten, damit die Menschen sich auch wohlfühlen – gar nicht so einfach! Deswegen sind im Quartierssystem die Prozessqualitäten doppelt so hoch gewichtet wie im System für den Neubau von Gebäuden.

Hexagonale Nachhaltigkeit: das Büro- und Gewerbequartier Berlin TXL – UTR – Campus West in Berlin. © gmp Architekten

Quartiere und SDGs

Übrigens: Bei der DGNB gleichen wir unser System immer wieder mit den sogenannten SDGs ab – den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, eine Art Zielekatalog der UN, auf die sich die Weltgemeinschaft zubewegen will. Die Baubranche gilt als Schlüsselbranche, um z.B. den weltweiten CO2-Ausstoß zu reduzieren. Unsere Analyse hat ergeben, dass das DGNB System für Quartiere, wie angestrebt, einen großen Beitrag zum SDG Nr.11, nachhaltige Städte und Gemeinden, leistet. Doch auch SDG Nr. 13, Maßnahmen zum Klimaschutz, sowie SDG Nr. 3, Gesundheit und Wohlbefinden, werden in relevantem Maße abgedeckt. Andere SDGs werden zumindest teilweise bedient. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Von Mut und Mehrwert

Doch was bringt das konkrete Zertifikat den Bauherren? In erster Linie möchte ich allen, die sich für eine Zertifizierung entscheiden, gratulieren: Sie haben den Mut bewiesen, Teil der nachhaltigen Bewegung zu sein, die die Baubranche konstruktiv weiterentwickelt und nachhaltige Lebenswelten für unsere Mitmenschen schafft! Ein mitunter etwas abstrakter Wert, das gebe ich gern zu. Daneben hält die Zertifizierung aber auch eine Reihe von Vorteilen parat, die Ihnen im Alltag weiterhelfen: der Zertifizierungsprozess als Instrument, Qualitäten zu definieren und in der Praxis umzusetzen (eine Art „roter Faden“), hohe Zukunftssicherheit durch die Reduktion von kostenintensiven Risiken, der Einsatz der Ökobilanz als Planungsinstrument, ein Zertifikat als Kommunikationsinstrument und zur Positionierung sowie eine vereinfachte Gebäudezertifizierung, die weitere Vorteile nach sich zieht.

Prominente Anwendungen

Das DGNB System für Quartiere ist Marktführer in Europa. In zahlreichen Fällen wird es bereits erfolgreich angewendet.

Ein Leuchtturmprojekt ist beispielsweise der neu entstehende Stadtteil Oberbillwerder in Hamburg. Das Stadtquartier der IBA Hamburg GmbH erhielt mit einem Gesamterfüllungsgrad von 81,9 Prozent das DGNB Vorzertifikat in Platin. Laut Plan des dänischen Büros ADEPT gemeinsam mit Karres + Brands aus den Niederlanden sollen im 105. Stadtteil der Hansestadt 7000 Wohnungen entstehen, ca. 5000 Arbeitsplätze, Schulen und Kitas. Eine Art grüne Ringstraße, punktuelle Parkhäuser statt flächenintensiver Parkplätze sowie eine vielfältige Architektur sollen Nachhaltigkeit und Menschenfreundlichkeit garantieren.

Ebenfalls erst vorzertifiziert, aber bereits jetzt schon von nationaler Bedeutung, ist der Deutzer Hafen von Cobe Architects in Zusammenarbeit mit RMP Landschaftsarchitekten – Kölns neues Stadtviertel. Die städtebauliche Weiterentwicklung des Areals wird bereits seit zehn Jahren diskutiert. Das Plangebiet von Bauherr moderne stadt umfasst über 37 Hektar (über acht Hektar davon sind Wasserfläche). Es sollen ca. 3.000 Wohnungen und Lebensraum für ca. 6.900 Einwohner entstehen. 2020 wurde das Projekt mit einem Gesamterfüllungsgrad von 83,3 % vorzertifiziert.

Weitere interessante Projekte sind beispielsweise das Berlin TXL – UTR – Campus West in Berlin, Les Corts Campus des Fußballvereins FC Barcelona in Barcelona, das Stadtquartier Neckarbogen in Heilbronn oder der chinesische Sino-German Ecopark Qingdao.

Auf der grünen Wiese: das Stadtquartier Oberbillwerder, wie es sein wird. © IBA Hamburg / ADEPT mit Karres + Brands

Jetzt handeln!

Die Version 2020 des DGNB Systems für Quartiere ist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den aktuellen gesellschaftlichen und marktspezifischen Anforderungen. Es hält Antworten auf alle wichtigen Herausforderungen aktueller Umwälzungsprozesse parat. Packen wir die Aufwertung und Anpassung unserer Städte jetzt an! Als Abteilungsleiter Zertifizierung freue ich mich schon heute auf die Quartiersprojekte der kommenden Jahre.

Das DGNB System für Quartiere ist in Deutsch und Englisch verfügbar. Alle Informationen zur Zertifizierung finden Sie hier.

Kategorie: Quartiere

von

Dr. Stephan Anders

Stephan Anders studierte Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart und der ETH Zürich mit dem Studienschwerpunkt „Städtebau & Stadtplanung“. Von 2009 bis 2015 war er akademischer Mitarbeiter und Doktorand am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart. Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind nachhaltige Stadt- und Quartierskonzepte. 2016 veröffentlichte er seine Dissertation mit dem Titel „Stadt als System“. Seit 2012 ist er für die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB) tätig. Dort betreute er anfangs die Systementwicklung und die internationale Anwendung der Zertifizierungssysteme für nachhaltige Quartiere, die Ausbildung zum DGNB Auditor sowie die Hochschulkooperation. Seit 2017 leitet er die Abteilung System bei der DGNB, deren Kernaufgabe die nationale und internationale Anwendung des DGNB Zertifizierungssystems ist. Parallel dazu ist als Honorarlehrkraft für die Hochschule für Technik Stuttgart tätig.

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