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SAND?! Ein viel diskutierter Rohstoff.

Vielfach wird die weltweite Knappheit unseres zweitwichtigsten Rohstoffs Sand und die mit dem Abbau einhergehende kriminelle Energie skizziert. Eine Situation, die wir weder in Frage stellen, noch schön reden wollen. Aber inwiefern trifft diese Darstellung auch auf ‚unseren‘ Sandabbau zu? Leiden wir in der Mitte Europas an einem Sandmangel? Ein Lagebericht.

Der Rohstoffhunger des Baugewerbes

Der Wohnungsbau gilt seit Jahren als florierende und wichtigste Stütze der deutschen Bauwirtschaft. Sowohl der Neubausektor als auch die Bereiche Sanierung und Modernisierung von Bestandsbauten verzeichnen seit mindestens acht Jahren ungebremstes Wachstum. Für 2020 wurde im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme des Wohnungsbauvolumens um 4,9 % auf insgesamt 256,57 Mrd. Euro ausgewiesen, während für 2021 ein weiterer Anstieg um 3,7 % prognostiziert wird (DIW 2021). Dieser enormen Bauaktivität verbunden mit einem beinahe ungebremsten Flächenfraß stehen, ganz allgemein gesprochen, endliche Ressourcen gegenüber.

In Deutschland ist jeder Bürger statistisch von 490 t Baumaterial umgeben, im Mittel aller Industrieländer liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Baustoffeinsatz bei 335 t und der ‚Weltstandard‘ beträgt 115 t. Diese Berechnung beinhaltet nicht nur Wohnung, Haus und Parkplatz, sondern auch die jeweiligen Anteile an der Infrastruktur. Dem Bestand steht in Deutschland ein Baustoffbedarf von 1.300 t/s (Tonnen pro Sekunde) gegenüber, in allen Industrieländern werden im Mittel 800 t/s benötigt und der Weltdurchschnitt liegt bei 300 t/s. So wird nachvollziehbar, warum der Bausektor in Deutschland für 629 Mio. t bzw. 48 % des Ressourcenverbrauchs verantwortlich ist (UBA 2018). Um seinen Studenten ein Gefühl für die Menge zu geben, hat der Architekt, Ingenieur und Nachhaltigkeitsexperte Prof. Werner Sobek folgendes Bild kreiert:

„Um für die weltweit 2,6 Menschen-Netto-Zuwachs pro Sekunde eine gebaute Heimat bereitzustellen, und das ist ja schließlich unsere Aufgabe als Architekten, Ingenieure, als Bauschaffende, dann müssen wir ungefähr 60 Mrd. t an Baustoffen jedes Jahr aus der Erdkruste herauskratzen, zu Baustoffen aufarbeiten, in Halbzeuge überführen und dann auf der Baustelle zu einem Gebäude oder zu einem Infrastrukturvorhaben verbauen. Bildlich gesprochen bedeutet dieses Volumen eine Wand entlang des Äquators, 40.000 km lang, 30 cm dick und etwa 1,5 bis 1,8 km hoch. Jedes Jahr.“

Diese Äquatorwand veranschaulicht eindrucksvoll die immense Menge jährlich benötigter Ressourcen für die Produktion von Baumaterialien, wollte man allen Menschen den Standard der 1. Welt angedeihen lassen.

Sand, die zweitwichtigste Ressource der Welt

Eine der im Bauwesen wichtigsten Ressourcen ist der Sand. Pro Jahr werden weltweit etwa 40 bis 50 Mrd. t Sand umgesetzt, so heißt es in einer Studie des UN environment programme (UNEP 2019). Innerhalb der letzten 20 Jahre hat sich die Nachfrage der Bauindustrie nach Sand und Kies verdreifacht und wächst jährlich um 5,5 %; nur das Volumen des gehandelten Rohstoffs Wasser ist höher.

Sand ist genau – WAS?

Sand ist in erster Linie der Name für Sedimentgestein in einer Korngröße von 0,063 bis 2 mm. Ist das Sediment gröber (bis 63 mm), ist es Kies. Sand kommt in der Natur in diversen Mineralen vor – als Granatsand, Muschel- und Korallenbruchsand oder Gipssand, um nur einige zu nennen. In Deutschland ist zudem häufig Sand aus unterschiedlichen Mineralbruchstücken oder seltener fast reiner Quarzsand zu finden.

In Mitteleuropa unterscheidet man nach angestrebter Nutzung zwischen Bau- und Industriesand. Während Bausand mit seinen unterschiedlichen Mineralen u.a. für die Herstellung von Beton, Kalksandsteinen, Dachsteinen, Ziegeln und Klinkern sowie für fast alle im Baugewerbe verwendeten mineralischen Produkte benötigt wird, nutzt die Industrie fast ausschließlich den sehr viel hochwertigeren Quarzsand (BGR 2018) – so zum Beispiel in Brems- und Filteranlagen, zum Sandstrahlen, in Kunstrasen der Sportstätten, als Vogel- oder Spielsand. Auch die Industriezweige Glas, Kunststoff, Metall, Chemie, Pharma und Papier kommen nicht ohne den mineralischen Rohstoff Quarzsand aus.

Wüstensand dagegen eignet sich nicht für die Herstellung von Beton oder anderer Baustoffe. Dachte man lange, dass Wüstensand auf Grund der durch den Wind stark gerundeten Kanten ungeeignet sei, so entdeckte Dr. Harald Elsner, Sand-Experte der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), 2019 einen anderen Grund: Bei der Untersuchung von zwölf unterschiedlichen Proben aus der Sahara und von der Arabischen Halbinsel fanden sich kaum kugelige Sandkörner, dafür aber neben hartem Quarz auch ein hoher Anteil an unbrauchbaren Bestandteilen wie Gips, Glimmer und verschiedenste Karbonate. Zudem ist der Wüstensand in seiner Körnung schlichtweg zu fein. Während der hiesige Bausand zu 49 % aus Feinsand und zur anderen Hälfte aus Mittelsand, Grobsand und Feinkies besteht, hat Wüstensand ausschließlich Feinsand und Staubkorn-Anteile mit einer Größe kleiner als 0,063 mm. Die Herstellung von hochfestem Beton sei somit unmöglich, so Elsner (BGR 2019).

Unter der Oberfläche Deutschlands lagert mit wenigen regionalen Ausnahmen flächendeckend Bausand; dies ist u.a. der Überfahrung Norddeutschlands durch Inlandeis aus Skandinavien in den verschiedenen Eiszeiten geschuldet. Das Inlandeis brachte Schutt in großen Mengen, der wiederum auf seinem Weg nach Süden in den großen Urstromtälern zu Sand und Kies zermahlen wurde. Dasselbe Phänomen ist im nördlichen Alpenvorland zu beobachten. Eine genaue Berechnung der fast unendlich großen Kies- und Sandmengen in den ehemals gletscherbedeckten Gebieten Deutschlands existiert nicht. Dass Sand in Deutschland heute keine Mangelware ist, ist zusätzlich den großen Flüssen, insbesondere dem Rhein, zu verdanken, die ebenfalls sehr große Gesteinsmengen aus ihren Einzugsgebieten flussabwärts bewegt und dabei weitestgehend zermahlen haben. Übrig geblieben sind die besonders widerstandsfähigen und von der Bauindustrie gesuchten Mineralkörner (BGR 2018).

Der hiesige Sand- und Kiesabbau

Das deutsche Bau- und Industriegewerbe hat einen immensen Sand- und Kiesbedarf, dem 2019 mit 259 Mio. t Baukies und Bausand in einem Wert von 1.825 Mio. Euro begegnet wurde. Damit stehen Sand- und Kies auf Platz 1 der Rohstoffproduktionsmengentabelle, gefolgt von gebrochenem Naturstein und Braunkohle.

Kies und Sand sind wichtige Rohstoffe für die Bauwirtschaft. Durch eiszeitliche Gletscherbewegungen und Flüsse wie den Rhein, gibt es große Kies- und Sandvorkommen in Deutschland. © Kai Nielsen

Kies und Sand sind wichtige Rohstoffe für die Bauwirtschaft. Durch eiszeitliche Gletscherbewegungen und Flüsse wie den Rhein, gibt es große Kies- und Sandvorkommen in Deutschland. © Kai Nielsen

Die Fördermengen von Sand und Kies werden zusammengefasst erhoben; laut BGR (2018) wird der Anteil von Sand dabei auf 40 % geschätzt. Von der geförderten Gesamtmenge wurden etwa 1 % bzw. 2,64 Mio. t Sand in Nord- und Ostsee für den Schutz der deutschen Küsten gewonnen. Während die Qualität des Meersands aus der Nordsee aufgrund von Salzanhaftungen und Muschelfragmenten nicht den Ansprüchen der Bauindustrie genügt, finden geringe Mengen Ostsee-Sand Verwendung in der maritimen Wirtschaft (BGR 2018).

Obwohl die Rohstoffkosten im vergangenen Jahrzehnt um etwas mehr als 25 % gestiegen sind, ist die Abbaumenge in den vergangenen 15 Jahren weitestgehend identisch geblieben. Dabei hat sich die Gesamtzahl der 1.935 Kies- und Sandwerke in Deutschland (Stand: 2019) in den vergangenen zwei Jahrzehnten genauso wie die Zahl der Beschäftigten dieser Werke (13.550 in 2019) um etwa ein Drittel verringert. Die Tatsache, dass die Fördermenge trotzdem weitestgehend gleich geblieben ist, ist neuen technischen Verfahren geschuldet, die eine größtmögliche Ressourceneffizienz erlauben (MIRO 2020).

Für den Abbau oberflächennaher mineralischer Rohstoffe, d.h. der Steine- und Erden-Rohstoffe, werden aktuell knapp 9,6 km2 der Gesamtfläche Deutschlands in Anspruch genommen, so u.a. die Deutsche Rohstoffagentur (DERA), und dies, im Gegensatz zu vielen anderen Nutzungsarten des Bodens (wie z.B. Gebäude- und Freiflächen, Verkehrsflächen usw.), jeweils nur für eine zeitlich begrenzte Zeit. Im Fall von Sand und Kies wird zuvor land- oder waldwirtschaftlich genutzte Kulturlandschaft für den Zeitraum von 15 bis 20 Jahren einer Zwischennutzung zugeführt und im Anschluss an den Abbau wieder renaturiert oder rekultiviert. So sind beispielsweise in den vergangenen 15 Jahren über 3.000 ha ehemaliger Gewinnungsflächen anderen, meist naturnahen Nachnutzungen zugeführt worden (MIRO 2020). Die angestrebte Nachnutzung muss übrigens schon im ersten Planungsprozess, also vor Erteilung einer Genehmigung zum Abbau von Bodenschätzen, unter Berücksichtigung der örtlichen Wünsche verbindlich festgelegt werden.

Beobachtungen von NABU und Gesteinsindustrie haben gezeigt, dass durch die Rohstoffgewinnung und die damit verbundenen Eingriffe in die Natur weitere Biotope entstehen, die ansonsten in unserer kulturwirtschaftlich genutzten Landschaft kaum noch existieren würden. Mit einer zeitnah frei zugänglichen Biodiversitätsdatenbank geht die Branche in die belastbare Beweisführung: Rohstoffgewinnung heißt Sicherung der Artenvielfalt (NABU 2010 + bbs 2019).

Hürden in der deutschen Sandgewinnung

Auch wenn Sand geologisch betrachtet ausreichend verfügbar ist, ist es in der Vergangenheit schon zu Lieferengpässen gekommen. Potenztielle Gewinnflächen sind häufig bereits für andere Nutzungen wie Wasser-, Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie Wohn- und Gewerbegebiete oder Straßen und Eisenbahnlinien bestimmt. So sind zum Beispiel in Baden-Württemberg aktuell etwa 85 % der Landesfläche durch andere, vorrangige Nutzungen verplant (BGR 2018). Außerdem müssen Sand und Kies in guter Qualität, also zu 80 bis 100 % nutzbar und oberflächennah vorkommen, damit die Errichtung einer Gewinnstelle rentabel ist. Zudem dauern die Genehmigungsverfahren zunehmend länger und Anschlussgenehmigungen für bestehende Gewinnungsanlagen werden nicht immer erteilt. Während eine Genehmigung im Bestfall in zwei bis drei Jahren erwirkt werden kann, berichtet der Bundesverband Mineralischer Rohstoffe e.V. (MIRO) von Laufzeiten von zehn bis fünfzehn Jahren, insbesondere wenn es zu Klageverfahren kommt.

Von der Grube zum Kunden – der Sandtransport

Die eingangs erwähnten 259 Mio. t Bausand und -kies werden zu 82 % mit dem LKW transportiert; der Rest verteilt sich zu gleichen Teilen auf Binnenschiff und Bahn. Insgesamt beträgt die Transportleistung (transportierte Menge x Transportentfernung) über die Straße 6.322 tkm, beim Bahntransport 5.089 tkm und mit dem Binnenschiff 4.626 tkm. Dass die Transportleistungen nicht weit auseinander liegen, ist den deutlich längeren Transportwegen geschuldet, die für den Bahn- und Schiffsverkehr eingeplant werden.

Die durchschnittliche Transportentfernung zum Kunden liegt beim Transport von Bausand und -kies über die Straße bei 30 km, während sie mit der Bahn 220 km bzw. mit dem Binnenschiff 200 km beträgt, wie der Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e.V. für 2018 ermittelt hat (MIRO 2020). Durch die dezentrale Verteilung der Gewinnungsgebiete in Deutschland sind die Transportwege relativ kurz, was sich positiv auf die CO2-Bilanz von Sand und Kies auswirkt.

SAND: SAME-SAME, BUT DIFFERENT

Abschließend kann festgehalten werden, dass der Sandhunger immens ist – hier wie im Rest der Welt. Auch die Definition von Sand und Kies und die Ansprüche an deren Beschaffenheit sind weltweit weitestgehend identisch. Aber: In allen anderen Punkten unterscheidet sich die hiesige Sandgewinnung vom Rest der Welt. Der Rohstoff Sand ist in Deutschland in fast unerschöpflicher Menge und sehr guter Qualität vorhanden. Nicht Materialmangel, sondern Nutzungskonflikte, langwierige und teure Genehmigungsverfahren sowie Proteste von Anwohnern und Bürgerverbänden führen zu Lieferengpässen. Und nicht zuletzt haben Flora und Fauna – es mag überraschend klingen – bisher vom hiesigen Sandabbau profitiert. Bereits zum jetzigen Stand lässt sich sagen, dass die Artenvielfalt an den Gewinnstellen schon im aktiven Betrieb steigt; nach der Renaturierung konnte an allen ehemaligen Kies- und Sandgruben ein Zuwachs von Biodiversität beobachtet werden. In diesem Sinne: Glückauf!


Weiterführende Video-Empfehlungen für Interessierte:

„Wird unser wichtigster Rohstoff knapp? Der Kies-Konflikt“, Film von Constantin Stüve und Nico Schmolke

„Sand: Der zweitwichtigste Rohstoff der Welt!“, ZDF Royale mit Jan Böhmermann

„We need to educate ourselves about the sand crisis!“, Talk mit Kiran Pereira zur internationalen Sandkrise

„SAND WARS“ Eine filmische Dokumentation von Denis Delestrac

Kategorie: Impuls

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Als Inhaberin einer PR-Agentur berät Kathrin Albrecht Akteure der Baubranche im Bereich der Architektur- und Nachhaltigkeitskommunikation. Die Architektur als „Elefant im Klimaladen“ muss sich ihrer Verantwortung stellen - darüber ist sich die Branche einig. Dass dieser Changeprozess nicht nur herausfordernd sein muss, sondern - gut und glaubwürdig kommuniziert - auch ein großes Potenzial in Punkto Business Development, Mitarbeitergewinnung oder Resilienz birgt, fasziniert und motiviert sie gleichermaßen. Seit ihrer Unternehmensgründung 2020 ist Kathrin Albrecht zudem Mitglied bei der DGNB.

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