Circular Economy, DGNB Jahreskongress 2022, Diskurs
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Der Übergang zum zirkulären Bauen

Treppe Spirale

Baumaterialien ewig nutzen ohne dass sie zu Abfall werden, klingt herausfordernd. Und doch ist genau das, Ziel einer neuen Strömung im nachhaltigen Bauen. Unter dem Begriff des zirkulären Bauens sprachen Expertinnen und Experten im Rahmen des DGNB Jahreskongress über das Mögliche und heutige Grenzen.

BLOGSERIE ZUM DGNB JAHRESKONGRESS 2022 (TEIL 1)
Am 23. und 24. Februar veranstaltete die DGNB einen digitalen Jahreskongress. Das Motto: die zunehmend vielfältigen Diskussionen rund ums nachhaltige Bauen aufgreifen und zusammenführen. Neben Impulsen und persönlichem Matchmaking standen zahlreiche Gesprächsrunden auf dem Programm. In sieben Beiträgen fasst diese Blogserie die wichtigsten Botschaften der Themenräume zusammen. Im nächsten Beitrag geht es um die viel diskutierte Bundesförderung für effiziente Gebäude.

 

Am Nachhaltigkeitshimmel der Baubranche leuchtet ein neuer Stern: das zirkuläre Bauen. Entstanden ist er aus dem Konzept der Circular Economy, die gerade ihren Weg in die Bauindustrie findet. Der Begriff ist so neu, dass es bisher noch keine einheitliche Definition gibt. Das soll sich jetzt ändern.

Beim Jahreskongress der DGNB stellte Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung, in ihrem Panel gleich zu Beginn den Entwurf einer Definition vor, die sie mit Expertinnen und Experten erarbeitet hat.

Im Sinne des zirkulären Bauens setzen sich die Akteure der Bau- und Immobilienwirtschaft (1) mit dem Erhalt, der Aufwertung und der Aktivierung des Gebäudebestands auseinander (2), nehmen sie diesen als wertvolle Materialquelle und als Lager wahr und nutzen vorhandene Materialströme und Werte. Darüber hinaus (3) ermöglichen sie eine langfristige Nutzung und zukünftige Verwendung in geschlossenen Kreisläufen, so dass über den gesamten Lebenszyklus kein Abfall entsteht. Unter der Berücksichtigung von ökologischen und gesundheitlichen Aspekten fördern sie damit den Erhalt oder eine Steigerung der Qualitäten und ökonomischen Werte von Quartieren, Gebäuden, Bauprodukten und Materialien.

Als Akteure einer zirkulären Gesellschaft leisten sie durch ihr zirkuläres Denken und Handeln wichtige und positive Beiträge zu diversen Nachhaltigkeitszielen. Sie agieren konsistent mit Naturkreisläufen und entkoppeln ihre wirtschaftlichen Aktivitäten vom Konsum nicht erneuerbarer Ressourcen.“

Sie ist lang, aber die Botschaft deutlich: Beim zirkulären Bauen geht es um die Menschen, ihre Fähigkeiten und darum, diese so zu nutzen, dass Nachhaltigkeitsziele erreicht werden.

Vier Perspektiven auf das zirkuläre Bauen

Vier Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf eine zirkuläre Bauwirtschaft schauen, waren zu Gast in Braunes Themenraum mit dem Titel „Nachhaltigkeit by Design? Wo steht die Baubranche auf dem Weg zur Circular Economy“.

Bauherrenperspektive: Herausforderung Expertensuche

Dr. Philipp Bouteiller ist Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH. Mit seinem Team flößt er dem 500 Hektar großen Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin Tegel neues Leben ein – in Form von Forschung, Industrie, Wohnviertel und viel Grün. Alles unter dem Dach der Nachhaltigkeit. Wie steht es da mit den Prinzipien der Circular Economy? „Bei uns ist alles zirkulär gedacht“, sagt Bouteiller. Er berichtet von der Bekanntschaft mit Prof. Braungart und der Cradle to Cradle-Denkschule, die ihn inspirierte. Herausforderungen sieht er in der Praxis. „Man braucht Experten, die einen begleiten und eine politische Genehmigungslandschaft, die das auch will. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, bekommt man es hin.“

Mehr zum Tegel Projekt finden Sie in Bouteiller’s Impulsvortrag auf DGNB Youtube.

Perspektive der Daten: EPD schafft Transparenz

Aus einer ganz anderen Richtung kommt Alexander Röder. Er leitet das Institut Bauen und Umwelt (IBU). Bekannt ist er wohl bei allen, die schonmal eine Ökobilanz berechnet haben oder die Nachhaltigkeitsaspekte ihrer Produkte offenlegen. Das IBU veröffentlicht sogenannte Umweltproduktdeklarationen (EPD). Sie stellen den ökologischen Rucksack von Bauprodukten übersichtlich dar. Der Bezug zum zirkulären Bauen? „Mit diesen Daten kann man verstehen: Was hat mir mein zirkulärer Ansatz im konkreten Projekt gebracht?“, erklärt Röder. Antworten bekommt man zudem auf Fragen wie: Was bringt es, dass konventioneller Beton durch Recyclingbeton ersetzt wird? Und was gewinnt man im Rückbau, wenn Materialien eingesetzt werden, die auf Recycling ausgerichtet sind?

Der Blick in die Zukunft: Wir sind in einer Übergangsphase

Martin Pauli, Associate Director und Europe Foresight Leader bei Arup, ist dem Titel nach einer, der vorausschaut. Er sagt: „Wir sind in einer Übergangsphase“. Auf der einen Seite die Vorgaben von Seiten der EU mit technischen Kriterien, die aussagen, wie ein Gebäude auszusehen hat. Auf der anderen Seite die Grenzen der Umsetzung. Laut Pauli fangen Planende schon an, Gebäude nach den Prinzipien der Zirkularität zu optimieren. Er stellt hierfür eine Hierarchie auf. An erster Stelle stehe, erstmal gar nicht zu bauen und Bestand zu ertüchtigen. Dann folgten die Prinzipien der Langfristigkeit und Anpassung an die Zukunft. Der dritte Punkt sei die Effizienz – „und dann sind wir erst bei der Materialebene an sich“. Hier werde es konkret und die Probleme fingen an. So müssten Planende sicherstellen, dass die erdachten Bauprodukte auch verfügbar seien. Und dass die Evidenz stimme; und das ohne 30 Prozent höherer Kosten.

Die Unternehmensperspektive: Konkrete Ansätze anstoßen

Diese Übergangszeit zu beschleunigen ist Ziel von Silke Küstner, Circular Economy Managerin beim WWF Deutschland. Bekannt ist uns die Non-Profit-Organisation durch das Panda-Logo und die Themen Umwelt- und Naturschutz. Circular Economy taucht im Namen nicht auf und doch spielt sie laut Küstner eine zentrale Rolle: „Sie ist der Innovationstreiber für die Ziele Klimaneutralität und Ressourceneffizienz“. Mit ihrem Projekt CEWI, das mit über 40 Unternehmen durchgeführt wird, soll der Kreislaufgedanke in konkrete Geschäftsmodelle überführt werden. Eine von vielen Ideen: Am Beispiel einer Jugendherberge auf der Schwäbischen Alb wird erarbeitet, wie Baumaßnahmen nach Prinzipien der Ressourcenschonung erfolgen können – als blue print für weitere Jugendhäuser.

Kernbotschaften der Diskussion

Noch bevor alle Gesprächsteilnehmenden ihren Standpunkt zum Thema ausgeführt hatten, wurden bereits inhaltsvolle Fragestellungen aufgeworfen. In insgesamt 45 Minuten diskutierten die Gäste über den Zweck der Zirkularität und die Notwendigkeit digitaler Dokumentation. Sie sprachen über die Eleganz des Baustoffs Holz und den Entwurf der EU-Taxonomie. Demnach soll ein Gebäude als zirkulär gelten, wenn es unter anderem aus 30 Prozent recyclingfähiger Materialien besteht. Der folgende Zitatfundus gibt einen Einblick in zentrale Botschaften des Gesprächs.

„Rein technisch können wir den Großteil der Materialien in die Kreisläufe zurückführen, aber der business case fehlt noch.“ (Pauli)

„Zirkularität ist ja kein Selbstzweck. Das Ziel muss sein, dass man den Ressourcenverbrauch für eine bestimmte Dienstleistung, die ein Bauelement leistet, möglichst minimiert.“ (Röder)

„Ich würde immer anwendungsspezifisch vorgehen. Immer das Material, das für die Anwendung am besten geeignet ist, wählen, um dann ein möglichst langlebiges Haus zu bauen.“ (Bouteiller)

„Ohne radikale Digitalisierung kriegen wir es nicht hin mit der Nachhaltigkeit.“ (Bouteiller)

„Entscheidend wird sein, dass man nicht zu sehr auf Verordnungen schaut, sondern mit gesundem Menschenverstand an Projekte rangeht.“ (Bouteiller)

„Für mich ist die Taxonomie einer der zentralen Treiber, der dazu führt, dass alle Akteure Schweißperlen auf der Stirn haben.“ (Pauli)

Sie wollen mehr erfahren?

Unter folgendem Link finden Sie die komplette Aufzeichnung des Themenraums. Alle Impulse und Themenräume des DGNB Jahreskongresses 2022 stehen auf dem Youtubekanal der DGNB zur Verfügung.Nachhaltigkeit by Design? Wo steht die Branche auf dem Weg zur Circular Economy

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