DGNB Jahreskongress 2022, Diskurs
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Versprechen zur Klimaneutralität reichen nicht aus

Stadt verschwommen

Bis 2050 sollen alle Menschen in Europa so leben, arbeiten und Werte schöpfen, dass die Konzentration an Treibhausgasen in der Luft nicht weiter zunimmt. Die vielerorts zu hörenden Versprechen könnten zuversichtlich stimmen. Alle werden schon bald klimaneutral sein. Doch hinter den anmutigen Zusagen steckt oft wenig Konkretes. Ein Beitrag über die Commitment-Kultur und was wirklich zählt.

BLOGSERIE ZUM DGNB JAHRESKONGRESS 2022 (TEIL 6)
Am 23. und 24. Februar veranstaltete die DGNB einen digitalen Jahreskongress. Das Motto: die zunehmend vielfältigen Diskussionen rund ums nachhaltige Bauen aufgreifen und zusammenführen. Neben Impulsen und persönlichem Matchmaking standen zahlreiche Gesprächsrunden auf dem Programm. In sieben Beiträgen fasst diese Blogserie die wichtigsten Botschaften der Themenräume zusammen. Im nächsten und letzten Beitrag geht es um den Status Quo des nachhaltigen Bauens in Europa.

 

Schon im Begriff der Klimaneutralität steckt die Krux. Neutral meint, dass eine Tätigkeit keinen Einfluss auf das Klima hat. Die einen verstehen darunter, dass gar keine Treibhausgase emittiert werden. Die anderen sprechen von der Herstellung eines Gleichgewichts nach dem Vorbild der Natur. Wenn also für CO2-Emissionen, die emittiert werden, an anderer Stelle Kohlenstoff aus der Atmosphäre genommen und gespeichert wird, ist das dann auch ok. Vereinfacht heißt das: Unternehmen verursachen weiterhin Klimagase und pflanzen dafür im gleichen Maße kohlenstoffspeichernde Bäume.

Was, wenn das alle so machen?

Dass in diesem Vorgehen der Kompensation eine Problematik steckt, kann sich jede und jeder mit der Frage beantworten: Was, wenn das alle so machen?

Diese Interpretationsspielräume des Begriffs können zu geschönter Wahrnehmung führen. Eine Studie zeigt zudem, dass bei den 25 größten Unternehmen weltweit hinter den kommunikativ ausgeschöpften Aussagen wie „Netto Null“ oder „kohlenstoffneutral“ im Schnitt eine Reduktion von gerade mal 40 Prozent der Emissionen steht. Suggeriert wird mit den Begriffen, die für PR und Marketingzwecke genutzt werden, jedoch 100 Prozent. Ein Trick: Vor- und nachgelagerte Emissionen in der Wertschöpfungskette werden einfach nicht berücksichtigt, machen aber zum Teil 90 Prozent aller Emissionen aus.

Ernsthaft arbeiten lässt sich nur mit Ehrlichkeit

Hier geht es nicht mehr nur um Versprechen, die vielleicht nie eingelöst werden, sondern um falsche Aussagen. Das ist fatal. Denn es scheint, als wäre man auf einem guten Weg, während sich die Treibhausgase in der Atmosphäre anreichern und das 1,5-Grad-Ziel weiter in die Ferne rückt. Die DGNB steht der im Kontext Klimaschutz emporwachsenden Commitment-Kultur deshalb kritisch gegenüber. Ernsthaft arbeiten lässt sich nur mit Ehrlichkeit, Selbstkritik und einem konkreten Maßnahmenplan.

Gesprächsrunde zum Thema

Vor diesem Hintergrund hat die DGNB auf dem Jahreskongress 2022 einen Themenraum ins Leben gerufen mit dem Titel „Lippenbekenntnis oder Leitlinie – Die neue Commitment-Kultur in Sachen Klimaneutralität“. Zu Gast waren Prof. Michael Braungart, bekannt nicht nur für sein Cradle-To-Cradle-Designkonzept (C2C), sondern auch für seine provokanten Thesen. Mit dabei war zudem Hilmar von Lojewski, Beigeordneter des Deutschen Städtetages, der gekonnt kontert. Müssen wir raus aus dieser Ankündigungs-Euphorie? Oder ist es auch wertvoll, Commitments einzugehen? Mit diesen Fragen leitete Moderatorin Dr. Christine Lemaitre den Themenraum ein. Zentrale Botschaften sind im Folgenden zusammengefasst. Den ganzen Themenraum zum Nachschauen gibt es hier.

DGNB Jahreskongress 2022

Ankündigung ja, aber mit Messbarkeit

Hilmar von Lojewski spricht aus Sicht der Kommunen. Er ist überzeugt, dass es hier nicht bei der Ankündigung bleibt, sondern tatsächlich etwas getan wird. Wichtig findet er, dass die Aktivitäten auch messbar sind. So lassen sich Entscheidungen für oder gegen bestimmte Vorhaben verargumentieren. Als Beispiel nennt er einen Schulbau, für den mehr Geld ausgegeben wurde mit dem Ziel, von 1500 auf 2500 Stunden Betrieb im Jahr zu gehen und die Schule gleichzeitig als Bildungs- und Gesundheitszentrum des Quartiers zu nutzen.

Commitment als Partizipationsinstrument

Die Ankündigung hält er aber trotzdem für wichtig, um Bürgerinnen und Bürger abzuholen und mitzunehmen. Er verknüpft den Begriff des Commitments mit einer Art Aufklärungsansatz. Geschieht das nicht, können Projekte schnell als Elite-Nachhaltigkeitsprojekte einiger weniger abgestempelt werden. Zurecht bedarf es des Einbezugs der Bürgerinnen und Bürger. Und der Erklärung von Nachhaltigkeitszielen und Prinzipien.

Klimaneutral reicht nicht aus

Fragt man Braungart zu seiner Meinung nach Klimaneutralitäts-Versprechen, ist die Antwort deutlich: Die Leute haben die Dringlichkeit noch nicht verstanden. Auch den Begriff „klimaneutral“ lehnt er ab, und plädiert dafür, klimapositiv zu sein. Seine These: „Ich will gut sein für das Klima und nicht weniger schlecht. Für weniger schlecht sind wir zu viele.“

Kompromisse sind manchmal nötig

Nicht nur neutral zu sein, sondern einen positiven Beitrag für die Umwelt und das Klima leisten, das ist auch die Grundidee des C2C-Designkonzepts. Möglich wird diese Positivwirkung beispielsweise mit einem Produkt, das Kohlenstoff speichert und dauerhaft im Kreislauf der Nutzung bleibt. Trotzdem gibt es auch hier in der Zertifizierung Abstufungen in Platin, Silber und Gold. „Ist C2C in Silber dann nicht auch eine reine Absichtserklärung?“, will die Moderatorin von Braungart wissen. Und auch unter den Teilnehmenden regt sich Kritik. Eine Aussage im Chat: „C2C reicht eben auch nicht, wird zu sehr idealisiert. Suffizientes Handeln muss unser Ansatz sein. Weniger Ressourcenverbrauch, ob Fläche, Wasser, Material – und  eben auch weniger Ausbeutung humaner Ressourcen entlang der Lieferkette.“

Leuchtturm oder Lichtermeer

Eine längere Diskussion entsteht zur Frage, inwiefern Kommunen die angekündigten Ziele am besten erreichen können. Braungart plädiert für eine klare Schwerpunktsetzung der Kommunen. „Jeder macht das, was er gut kann.“ Und dann sollen alle voneinander lernen. Er wünscht sich Leuchttürme. Denn wenn alle alles machen, „landen wir bei 100 Prozent Mittelmäßigkeit“.

Von Lojewski kontert mit dem Bild des Lichtermeeres und meint damit einem integrativen Ansatz, dessen Wirkung sich aus vielen kleinen Quellen speist. Seine Idee: Anstatt den Klimatopf auf einzelne Maßnahmen aufzuteilen, sollte nach der größten Wirkung gegangen werden. Gewählt werden soll der Ansatz, der im Zeitraum bis 2030, 2040, 2050 am meisten Wirkung erzielt. Dazu bedarf es Instrumente, um abzuschätzen und zu messen. Er wünscht sich klare Leitplanken von Seiten der Professorinnen und Professoren. Bis dahin orientiert er sich pragmatisch an dem, was Politik sagt.

Ein Vorschlag im Teilnehmenden-Chat: „Ist der Schlüssel möglicherweise, die Kanäle des Wissenstransfers zu optimieren, um Leuchtturmwissen/Spezialwissen der einzelnen Kommunen zugänglicher zu machen?

Versprechen halten oder besser gleich handeln

Das Thema war weit gewählt und viele Fragen blieben sicherlich offen. Möchte man ein Fazit ziehen, dann lautet es wahrscheinlich so: Ankündigungen und Versprechen können nützlich sein, um Menschen zu begeistern. Dahinter sollte aber ein Plan stehen mit messbaren Maßnahmen, die am Ende auch überprüft und optimiert werden können. Wie das konkret aussieht, zeigt beispielsweise die Initiative Klimapositive Städte und Gemeinden: hier treffen sich Kommunen, um konkret zu werden.


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